Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 233 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417809--244-2418082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die zehn Stämme. 233 so oft in Arabien gesucht hat. Man glaubte sie immer da zu finden, wo die Juden frei ihren Nacken erheben, ihre Kräfte frei entfalten und um den Preis des Ruhmes wetteifern durften, während ihre Brüder in allen Theilen der Erde nur schert und ängstlich gebückt aus ihren finstern Gassen sich wagten und auf Schritt und Tritt das Damoklesschwert des Fanatismus über ihren Häuptern gewahrten. Daher rührt es auch, daß die im 7. Jahrhundert erfolgte, den auswärtigen Juden jedoch unglaublich erscheinende Bekehrung des Chasarenfürsten und seines Hofes bei jenen den Glauben erweckte, Chasarien sei von dm Abkömmlingen der zehn Stämme bevölkert. Die schon bei Eldad angeführte Sage erzählt nämlich: Weit hinter den finstern Bergen (womit der Kaukasus gemeint war) wohnen heilige Männer, Nachkommen der Stämme Simon und Halbmanasse, die so mächtig sind, daß ihnen fünfundzwanzig Völkerschaften Tribut zahlen. Die unter dem Titel „Nasssot Lsnfainin" gesammelten Reiseberichte des Benjamin von Tudela, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts einen großen Theil von Südeuropa, Asien und Afrika durchwanderte und überall die Eigenthümlichkeiten der Länder und Gemeinden beobachtete, geben uns einige interessante Notizen über unfern Gegenstand. Auch Benjamin fand jüdische Gemeinden in dem fruchtbaren und handelsreichen Jemen und in den Wüstenstrichen Nordarabiens, wo sie wiederum, wie vor Mohammed, unabhängige kriegerische Stämme bildeten, Burgen befaßen, theils Ackerbau und Viehzucht trieben, und theils in Karavanen auszogen, um Maaren zu transportiren oder nach Beduinenart Wanderer zu überfallen und auszuplündern. Ihre Zahl soll sich auf 300000 belaufen haben. Eine Hauptgruppe wohnte in Taima und hatte einen eigenen jüdischen Fürsten, Namens Chanan, der sich Davidifcher Abkunft rühmte. Sie hatten in ihrer Mitte Asceten, welche nie Wein und Fleisch genossen, in Höhlen oder elenden Hütten wohnten, sich schwarz klei- Hilberg's Jllustrirte Monatshefte. I, 3. — Juni 1865. deten und „Trauernde um Zion" nannten. Diesen Frommen verabreichten die Grund- und Viehbesitzer den Zehnten von ihrem jährlichen Ertrage. Es führt uns dies auf die früher angegebene Ansicht des gelehrten Rapaport zurück, daß die Juden von Chaibar und Umgegend von den Rechabiten abstammen. Von diesen Abkömmlingen Jithro's ist aus Jerem. K. 35 bekannt, daß sie auf Geheiß ihres auch im 2 Kön. K. 10 als bedeutend erwähnten Urahnen Jonadab ben Rechab ein nomadisirendes, nasiräisches Leben führten. Nach der Zerstörung des ersten Tempels mögen sie bis in diese, an Palmen und Getreide reiche Gegend Arabiens gewandert sein, die Stadt Chaibar angelegt und sie nach dem Namen ihres auch Cheber genannten Stammvaters Jithro benannt haben. Zu Benjamin's Zeit wurde noch die etwa 50000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung der Landschaft Chaibar als Ueberrest der Stämme Rüben, Gad und Halbmanasse betrachtet. In dem zu Persien gehörigen Lande Mulchat (Mulete) zählte Benjamin vier jüdische Gemeinden,. die auf hohen Bergen wohnten, nicht unter der Herrschaft des Perserkönigs standen, in freundschaftlichem Verkehr mit den fanatischen Assassinen waren und öfter in die Niederung Herabstiegen, um Beute zu machen, selbst aber in ihren Wohnsitzen für Angriffe unzugänglich waren. In Amadia, fünf Tagereisen davon, waren gegen 25000 Juden. Hierher setzt Benjamin den Beginn der Gemeinden, welche auf den Bergen Haftan wohnen, mehr als hundert jüdische Genossenschaften. „Hier", sagt er, „ist die Grenze Mediens, wo sie seit der Verbannung durch Salmanassar wohnen; sie sprechen die Sprache des Targum, haben Gelehrte unter sich, stehen unter der Oberhoheit des Sultans von Persien und zahlen ihmTribut." AusAmadia war David el Rai, welcher als angeblicher Messias die Juden dieses Landes zur Empörung gegen die Herrschaft der Perser reizte und sie hierdurch in große Gefahr brachte. Auf Hamadan, d. i. Madai, rechnet Benjamin 50000 jüdische Einwohner. Er 16