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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 224

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 224 (sequence 40)
Language
German
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224 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. nur das reactionäre Gesetz, nicht aber die Gesinnung des Volks, die den ersten Juden noch heute so tief unter den letzten Christen stellt, wie ehedem. Deutsche Bildung verträgt sich nicht mit Judenhaß. Der Judenhaß blüht nur noch unter jenen Völkern, die sich vorsätzlich der deutschen Cultur und dein Fortschritt des Zeitgeistes verschließen. Unter den Czcchen allerdings ist das Wort „Jude" noch heutzutage in Verbindung mit dem Adjectiv „stinkend" vielfach zu hören; unter den Czechen allerdings ist der Jude noch heutzutage, was er vielleicht vor 400 Jahren war. Unter dem Druck, der noch vor zwanzig Jahren auf dein Judenthum und den Juden lastete, hatte niemand mehr zu leiden als der arme Joseph aus Zebus. Aus Zidovice mußte er fort. Nach Zebus zurückkehren, um dort neuerdings zu beginnen, wo er vor einem Jahr aüfgehört, mochte er nicht; er zog es deshalb auch vor, sich in dem Städtchen Raudnitz niederzulassen und dort die Entscheidung des böhmischen Appellationsgerichts, des Guberniums nämlich, abzuwarten, ob er als Pachter der fürstlich Lobkowitzischen Weidenruthen an Ort und Stelle des Pachtobjectes verbleiben dürfe oder nicht. Joseph aus Zebus verlor aber seine Zeit in Raudnitz nicht; da er über einiges Vermögen zu verfügen hatte, setzte er sich mit den Kornhändlern in Verbindung, welche von hier aus einen ergiebigen Handel mit Getreide, Hopfen, Wolle und Leder nach dem Auslande unterhielten. Zidovice ist von Raudnitz in einer guten Viertelstunde zu erreichen, und so war es denn dem armen Joseph, nachdem er ein interimistisches Heimatsrecht im raudnitzer Ghetto erlangt hatte, möglich, sein Weib und Kind täglich zu sehen und gleichzeitig der Wirthschaft seiner Schwiegermutter vorzustehen, die ihm trotz der obrigkeitlichen Verordnung die Führung ihres Anwesens überlassen hatte. Joseph aus Zebus hätte ohne weitere Klage in diesem zerrütteten Familienverhältniß verbleibest und in der Liebe Rosarka's, in der Freundschaft Mach's Trost dafür suchen mögen, daß sein eigenes Volk ihn wie einen Fremden und Abtrünnigen behandelte; Joseph hätte, zufrieden mit dem stillen Glück, welches er im Verborgenen genießen durfte, gern auf alles andere verzichtet, wenn Rath Soukup, die oberste herzoglich Lobkvwitzische Civil- und Polizeibehörde, ihn nur fortan in Ruhe gelassen hätte. Eine neue Veranlassung zur gesetzlichen Verfolgung des armen Juden bot die Schmeilkowa, welche der Dämon Joseph's und Rosarka's werden sollte, so wie sie der Dämon Mach's und seiner Jugendliebe geworden war. Ich kann es hier nicht unterlassen, noch einmal darauf zurückzukommcn, daß Raudnitz der Mittelpunkt einer großen Diebsbande war, deren einzelne Mitglieder man sehr genau kannte. Der fürstlich herzogliche Polizeifeldwebel, ein friedliebender, wohlgenährter Mann Namens Voita, hatte nicht allein die Obliegenheit, von den „Schutzjuden" in Raudnitz die Steuern einheben zu helfen und bei der Zahlungsunfähigkeit des einen oder des andern nach Brauch und Sitte die achtzackige messingene Lampe, gewöhnlich das bedeutendste Werthstück der armen Judenfamilie, zu pfänden, sondern der Polizeimann Voita hatte auch noch die weitere Verpflichtung, nach den verschiedenen Spitzbuben zu fahnden, die sammt und sonders in der nächsten Nähe der Judengasse wohnten. Es gehörte mit zu den Annehmlichkeiten des Ghetto, daß der frühere Henker des Herzogthums Raudnitz mitten in der Judengasse seinen Wohnsitz angewiesen bekam. Der Nachrichter als solcher hatte in Raudnitz keine Function mehr, allein das Abdeckeramt ist ihm verblieben, und so ist noch heutzutage die „Schinderei" in Raudnitz rings von Juden eingeschlossen. Eine weitere Annehmlichkeit des Ghettolebens in Raudnitz war es, daß es den Juden zwar nicht gestattet war, außerhalb der ihnen angewiesenen Grenze Wohnungen zu nehmen, daß es aber dafür den Christen unbenommen blieb, wenn es ihnen gefiel, sich mitten unter den Schutzjuden nieder-

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