Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 223

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 223 (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417809--234-2418072
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eine Mischehe. 223 so wie vor 400 Jahren: „Schutzjuden ". Unter dem Titel: „dem Schutzjuden N. N." u. s. w„ gelangten die Zuschriften der fürstlich Lobkowitzischen Aemter an die auf der Herrschaft ansässigeil Juden hinab. Die Inden in Raudnitz waren in ein Ghetto verbannt, welches sich ebenso wie das in Rom, Prag und Frankfurt a. Ri. durch traditionell mittelalterlichen Schmu; auszeichnete. Die Judengasse in Raudnitz war genau so wie das Ghetto in Rom durch Thore abgesperrt. An der einen Seite wurde dicht hinter dem Thore die Kirche erbaut, an der andern Seite war, kurz hinter dem Thore, denJuden der Gottesacker angewiesen. Kein Jude durfte es wagen, außerhalb dieses engbegrenzten Raumes seine Wohnung aufzuschlagen; daher kam es auch, daß in diesem Landstädtchen, genau so wie in dem Ghetto in Rom, fünf, sechs und noch mehr Familien in einem Häuschen, welches natürlich nur aus einem Stockwerk bestand, wohnten; mitunter auch wohnten zwei Familien in einem Zimmer. Genau nach dein Muster des römischen Ghetto war das Ghetto in Raudnitz den Ueberschwemmungen des Stromes preisgegeben, und genau nach dem römischen Muster wurden die Juden in Raudnitz in frühem Zeiten zuweilen todtgeschlagen und ihrer armseligen Habe beraubt. So erzählt mindestens die Mythe. Gewiß ist es, daß noch vor zwanzig Jahren in der Osternacht die Thore der Judengasse geschlossen wurden. Aeltere Leute sagen, der Grund für diese Maßregel liege in dem Umstande, daß in frühem Jahrhunderten der Probst jedesmal, wenn er von der Kreuzigung Christi erzählte, dies in einer Weise gethan habe, daß er den in der Kirche anwesenden Pöbel nicht mehr zurüähalten konnte, wenn er hinausstürzte, um Rache all den Juden zu nehmen, die den Heiland gekreuzigt. So erzähleil die alten Leute in Raudnitz, wenn man sie fragt, warum in frühem Jahrhunderten zwischen dem Charfreitag und Ostersonntag die Ghettothore von innen fest verrammelt wurden. Was von den Mord- und Plünderungsgeschichten aus frühem Jahrhunderten wabr lind was erdichtet ist, wäre schwer nachzuweisen. Die Thaten der Inquisition und die Opfer, die der ausgestachetren Bolkswuth anheimsielen, sind nicht einzeln in den Blättern der Gescbiebte ausgezeichnet. Allein vor zwanzig Jahren noch hat das Ghetto in Raudnitz bestanden, vor zwanzig Jahren noch hat der letzte Diurnist eines fürstlich Lobkowitzischen Amtes es wagen dürfen, einen „fürstlich Lobkowitzischen Schutzjuden", selbst wenn er Universitütsstudien gemacht und sich schon am dem Gebiete der Kunst, und Literatur mit einigem Glück versucht hatte, '.ungestraft per „Ihr" oder „Du" anzureden. Bor zwanzig Jahren noch hatte ein Rath Souklip die Oiewalt, einen „s-chutzjuden" ohne viele Umstände prügeln zu lasten, und vor zwanzig Jahren nocb konnte ein fürstlich Lobkowitzischer „Justitiar" iü echt feudalem Despotismus jedem Juden gesetzlich das Dasein erschweren, wenn er es für gut fand. Bor zwanzig Jahren noch durfte nur der älteste Sohn den väterlichen Rainen fortpflanzen und sich verheirathen, alle seine jüngern Brüder mutzten ledig bleiben, damit das Judenvolk sich nicht zu stark vermehre lind ausbreite. Heute allerdings ist es anders. Welch eill Fortschritt, diese Dinge nur erzählen zu dürfen! Die Ghettothvre existiren nicht mehr, und mit ihnen sind auch die schranken gefallen, welche das Judenthilm vom Christenthum trennten. Wie ganz anders ist es seit zwanzig Jahren überall da geworden, wo Juden und wo Deutsche wohnen! Im Centralsitz des deustchen Judenhasses, in Frankfurt a. M. nämlich, hört inan das Wort „Jude" kaum mehr nocb, und vom äußersten deutschen Süden bis zum äußersten deutschen Norden, etwa das feudale Mecklenburg ausgenommen, ist der Jude, wo nicht schon völlig emaneipirt, doch auf dem Wege, es in kürzester Zeit zu sein, und selbst da, wo eine reaetionäre Gesetzgebung den Juden von 'Remtern und Würden noch fern hält, selbst da ist es eben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.