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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 212

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 212 (sequence 28)
Language
German
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212 Zllustr. Monatsh. für die gef. las, desto mehr konnte sie sich einbilden, keinen fremden Brief, sondern den Brief ihrer Schwiegertochter zu lesen. Rach einem Eingang, in welchem sie sich flüchtig auf eilt Schreiben der Freundin bezog, fuhr Helene fort, daß sie heute viel "Interessantes, förmliche Abenteuer, zu erzählen habe. Zuerst erzählte sie, Wilhelm Liebcnheimer, derselbe, der ihr damals noch zum Bräutigam bestimmt war, habe sie eines Tages besucht und sei mit ihr ausgeritten. Sie habe seit kurzer Zeit reiten gelernt, liebcnheimer habe für sich das feurigste Pferd verlangt, denn er habe ihr um jeden Preis gefallen wollen. Ihr sei es mit dem Reiten ganz gut gegangen, und anfangs auch liebcnheimer. Aber kaum feien sie einige hundert Schritte weit gewesen, so habe Licbcnhcimcr's Pferd angefangen, seltsame Sprünge zu machen; liebcnheimer habe dann den Hals feines Pferdes umfaßt und jämmerlich geschrien. Sie hätte gern gelacht, wenn ne nicht selbst Angst bekommen hätte, da sie doch mich zu Pferde faß, aber es sei ihr damals vollkommen klar geworden, daß sie den Liebenheimer nie lieben könnte. Mitten in der größten Noth, in der sich liebcnheimer befand, fei ein hübscher junger Bauerbursche in die Nähe gekommen, und dieser habe Liebenheimer's Pferd am Zügel gefaßt und zum Stehen gebracht, aber so oft er es losließ, machte es noch gefährlichere Sprünge, und endlich warf es seinen ungeschickten Reiter ab. liebenheimer habe sich zum Glück nicht erheblich verletzt, aber er traute sich nicht mehr, das Pferd zu besteigen. Jetzt mußte der hübsche Bauerbursche sie zurückbegleiten; liebenheimer hinkte nach. Der fremde Bursche, mit dein sie nur ungarisch sprach, fei ihr gar nicht wie ein Bauer vorgekommen. Sic habe ihn gefragt, wer er fei, und wohin er eben wollte;' er sagte, er fei von einer Frau, die er nannte, nach der Värischen Puszta geschickt worden, um ein Pferd abzuholen. Später stellte es sich heraus, daß es dasselbe Pferd war, welches er jetzt ritt. Dann erkundigte er sich, wer sie fei, und als sie ihm ihren Rainen nannte, fei er ein wenig erröthet. Interessen des Judenthums. Dann erzählte Helene, ihr Vater habe ihr den andern Tag aus der Stadt geschrieben, aus der Sache mit Liebenhcimer werde nichts werden, denn dieser habe sich in zu gewagte Speculationen eingelassen lind werde über kurz oder lang fallen. Hierauf folgte die kurze Beschreibung einer Mondnacht auf der Puszta; sic sei gerade nach dem Abendessen am Fenster gesessen, als sic vor demselben Flöte spielen hörte. Sie habe hinausgesehcn und sogleich den hübschen Bauerburschen erkannt, der vor kurzem das Pferd abgeholt hatte. Sein Flötenspiel habe ihr sehr gut gefallen, und sie habe ihm zum Dank dafür eilt Glas Wein wollen geben lassen; aber kaum habe sie das gesagt, so sei er vom Fenster fortgegangen und habe sich auf ein Pferd gesetzt und sei in der Nacht verschwunden. „Aber stelle dir vor, geliebte Freundin", so schloß der Brief, „das war, wie ich den andern Tag erfuhr, kein Bauer, sondern ein junger Kaufmann unseres Glaubeils aus einem benachbarten Orte, und denke dir mein Staunen, als mein Vater mir vorgestern eröffnetc, es werde ein junger Mann aus gutem Hause um meine Hand anhalten; er sei zwar, wie er gehört habe, nicht sehr gebildet, aber brav und reich und ein - guter Landwirth. Und als ich ihn in aller Unschuld fragte, wer der junge Mann sei, nannte er mir denselben Reiter und Flötenbläser." Nie aber hat ein Mensch über eine gute That sich so gefreut als Frau Esther Kis über den Frevel der Briefverletzung, den sie heute begangen. Bela, vor kurzem, ja eigentlich noch verbauert, im glücklichsten Verhältniß mit einem gebildeten Mädchen aus der Stadt, mit einer „Partie" nach ihrem Herzen! Sie selbst erlöst aus der Dorseinsamkeit und in intimer Verbindung mit einer gebildeten, reicheil Familie! Nach so viel' Kränkung so beglückt! Esther war voll Seligkeit, und sie hätte weinen mögen, sich ausweinen an der Brust ihrer Schwiegertochter! Aber da noch so manches zu geschehen hatte, bis das möglich würde, so mußte sie sich damit begnügen, den Brief zu küssen. Sie faltete ihn wie-

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