Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 211 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Perbauert. einige Stufen höher. Er war nicht mehr ganz so krumm gebeugt wie sonst, und Esther erstaunte über das Selbstbewußtsein, mit welchem er ihr jetzt sagte, er werde mit Gottes Hülfe bald anfangen können, etwas auf eigene Fällst zu unternehmen; er gedenke sich auf Wolle zn verlegeil, sie solle ihm eine kleine aber gute Partie aufheben. Esther konnte gar nicht zu Wort kommen, so redselig war heute Maier. „Mit Wilhelmdiebenheimer ist nichts; ich hab's ja gleich gesagt, daß es mit Wilhelm Liebenheimer nichts sein wird'", so kramte Maier seine Neuigkeiten aus; „er will vor Helene Flausen machen und setzt sich auf ein Pferd, das wir noch von Bari haben, und gleich liegt er drunten. Mit seinen Spekulationen wird er auch gleich drunten liegen. Ich Hab' aber mit meinem Herrn "geredet, ich Hab' ihm gesagt, ich kenne einen jungen Menschen, es ist nur ein Landjung', aber reich und brav und ein merkwürdiger Geschäftsmann. Wer ist der junge Mensch? hat er mich gefragt, und wie ich ihm sag', daß es Ihr Sohn ist, der Sohn der reichen Frau Esther Kis, sagte er: Bei meinem Leben, die ist reich und brav, und du kriegst fünfhundert Gulden, wenn etwas draus wird." „Nicht so rasch; ich muß mir das erst überlegen, und mein Bela kaust keine Katz' im Sack", siel Esther ihm ins Wort; sie konnte Ludest kaum die Freude verbergen, die ihr Herz erfüllte. „Wer spricht von einer Katz' im Sack? Sie haben sich gesehen, lind sie gefalleil einander, und mein Herr hat nur aufgetragen, ich soll Ihnen und Ihrem Herrn Sohn viele Grüße von ihm ausrichten." Maier übertrieb eigentlich. Er hatte allerdings im Värischen Castell, jetzt Baumseld's Villa, munkeln gehört, daß Wilhelm Liebenheimer sich bei einem Spazierritt mit Helene blamirt, und daß diese mit Bela gesprochen habe; aber mehr wußte er nicht. Seine volle Richtigkeit hatte es nur damit, daß Baumfeld, der das Vermögeil und den Charakter, der ihm seit einer Reihe von Jahren wohlbekannten Frau Esther Kis hochschätzte, den Sohn derselben. ohne ihn näher zn kennen, für eine gute Partie hielt und seinem Faktotum allerdings die Erlaubnis; gegeben hatte, in der Sache etwas zu thun. Esther saß eilte Weile schweigend da lind schien die Vortheile der Partie zu erwägen. Allein damit war sie längst zufrieden; sie dachte nur darüber nach, was die Traurigkeit und der Unmutl, Bela's zu bedeuten habe. Maier sagte sie nur, die Sache erfordere Bedenkzeit, und heute solle er wie gewöhnlich ihr Gast sein, bevor er zur Eisenbahn hinausfahre. „Aber ich darf heute den Train gewiß nicht versäumen; ich habe Briese vom Verwalter mit und — von unserem Fräulein", fügte er, schlau blinzelnd, hinzu. Er war überzeugt, daß er das Geschäft beschleunige, wenn er Esther heute wieder einen Blick in Helenens Brief werfen lasse, denn er wußte etwas vom Inhalte desselben. Er hatte nämlich zufällig Gelegenheit zu lauschen/als Helene den Brief ihrer Gesellschafterin vorlas. Und hatte Esther nicht ein wichtiges Geheimniß zu erforschen? Tenn Bela hatte Helenen geiehen, das wußte sie jetzt. Konnte der Brief derselben nicht über jenen geheimnißvollen Nachtritt lind Bela's Traurigkeit Allsschluß geben? Und sollte sie eine Gelegenheit von sich stoßen, in dem Herzen derjenigen zu lesen, die bestimmt war, ihr so nahe zu stehen! Was können die armen Sterblichen dafür, daß sie nicht wie die Götter ohne Verletzung des Briefgeheimnisses in den Herzen abwesender Menschen lesen können! Maier legte seine Handtasche aus das Pult und ging auf Esther's Geheiß in die Stube, um auszuruhen, bis das Mittagessen fertig würde. Und das rosenfarbige Papier, aus welches Helene für ihre Freundin die Erzählung ihrer 'jüngsten Erlebnisse geschrieben hatte, war bald aus seinem Couvert geholt und entfaltet. Esther hätte sich ganz gewiß Gewissensbisse gemacht, wenn sie durch das Lesen dieses Briefes Geheimnisse erfahren hätte, die sie nichts angingen; aber zum Glück brauchte sie sich keine Vorwürfe zu machen. Je weiter sie