Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 208 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. nahe einen Trost darin, sich Bela's Gemüthsstimmung damit zn erklären, daß er ans der Värischcn Puszta von einem schönen, schnippischen Munde, vielleicht gar auch von Wilhelm Liebcnheüner, Hclenens präsumtivem Bräutigam, mit spöttischen Bemerkungen verletzt wurde. Deshalb bezwang sie sich und fragte ihn nicht nach dem Grunde seiner Trauer. Nach zwei, drei Tagen hatte sie eineuen Grund, unruhig zu sein, ja ganzen Abend bis in die Nacht Muffte die entsetzlichste Angst in ihrem merzen. Der Grundherr des Nachbardorfes, welcher Auftrag gegeben, das Varische Pferd für ihn zu kaufen, Hatte einen Diener herübergeschickt lind ließ Esther fragen, ob sie das Pferd schon gekauft habe. Sie rief nach Bela, aber der war nicht im Hause; sie wollte selbst dem Boten das Pferd zeigen, aber das schöne Thier war nicht im Stalle. Die Nachbarn sagten, sie hätten Bela ungefähr vor einer halben Stunde, uin die Zeit der Dämmerung, zum Dorf hiuausreiten gesehen; Esther schrieb damals eben Briefe, und hatte weder in den Hof noch auf die Gasse einen Blick geworfen. Wo war nun Bela? Es war so ungewöhnlich, daß er fortging, ohne seiner Mutter davon etwas zri sagen.. Und wo und was hatte er am späten Abend noch zu thun? Und wenn es etwas so Außerordentliches war, daß es der Eile und er des besten Renners bedurfte, so hätte sie doch um so eher davon wissen müssen. Von Minute zu Minute wuchs Esther's Angst, und entsetzlich träge schlich die Zeit dahin. Sic ging, was äußerst selten geschah, in die Nachbarhäuser, um vou den Leuten, die Bela sortreiten gesehen, vielleicht etwas Näheres zu erfahren. Aber man spottete ihrer Angst. Die Gegend war sicher, von räuberischen Anfällen hatte man seit Jahren nichts gehört. „Was kann es sein!" bemerkte man ihr; „er wird irgendwo eine Geliebte haben und ist fortgeritten, um schneller bei ihr zu sein." Anstatt in dieser Bemerkung einen Trost, eilte Hoffnung zu finden, fühlte sich Esther davon wie von einer Roheit verletzt. Diese Bauern hielten ihren Bela für ihresgleichen und erklärten seiit geheimnißvolles Verschwinden durch ihre eigenen Gewohnheiten! Esther wäre durch den Trost, den ihr die bäuerlichen Nachbarn geben wollten, in ihre frühem Ansichten Liber Bela's Verbauerung zurückverfallen, wäre sie jetzt nicht von so entsetzlichem Weh über sein geheimnißvolles Verschwinden erfüllt gewesen. Wo war er? In der Stadt hätte sie die Polizei nach allen vier Winden gejagt, um den Verlorenen zu suchen; hätten die Nachbarn ihre Angst um Bela nur im mindesten getheilt, so würde sich das ganze Dorf auf die Beine geinacht haben, um den wohlgelittenen Judenburschen zu sllchen. „Aber er ist ja bei seiner Geliebten", sagten sie lachend. Und sö mußte Esther ihre Angst wieder allein tragen; und mit inbrünstigen Gebeten flehte sie zu Gott, er möge ihr den Verlorenen wiedergeben. Betend beruhigte sie sich allmählich, und endlich fiitg sie, freilich widerstrebend, selbst an, dem Gedanken Raum zu geben, den die Nachbarn in ihr angeregt hatten. Konnte nicht die geheimnißvolle Glut in Bela's Augen während der letzten Tage mit seinem heutigen geheimnißvollen Verschwinden in einem leider zu sehr erklärlichen Zusammenhänge stehen? Esther blickte, während ihrer Betrachtungen am Fenster stehend und hinaushorchend in die lautlose Stille der Nacht, zum vollen Mond hinauf, und auch der alte Kenner von Liebesgeschichten schien ihr behaglich lächelnd zuzurufen: Er ist bei seiner Geliebten! Endlich hörte sie den Hufschlag eines galopirenden Pferdes, und kurze Zeit darauf schrie Esther freudejauchzend und zornig zugleich: „Bela, mein Bela, wo bist du gewesen!?" Bela antwortete ausweichend, und seine Stimme bebte bei jedem Wort, das er sprach. Als Esther nicht nachließ, ihn zu -fragen, wo er gewesen sei, sagte er, es habe ihn eben nur die Lust angewandelt, auf dem prächtigen Pferde in der schönen Nacht auf der Puszta umherzureiten, und er habe gar nicht daran gedacht, daß es schon