Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 206 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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2(1«! Jllustr. Monatsh. für die ges. und seine Gastfreundin mußte bei dem komischen Anblick unwillkürlich der Heiterkeit in ihrem Herzen wieder Raum geben. Mit schwer unterdrücktem Lachen und den Worten: „Sie hat wirklich eine sehr schöne Handschrift", überreichte sie ihm den Brief, und Maier, der an der Uhr sah, daß es Zeit sei zu gehen, wenn er zur Eisenbahn noch recht kommen wollte, nahm mit überschwenglichem Dank für die genossene Gastfreundschaft Abschied und sagte im Fortgehen: „Nun, verlassen Sie sich nur auf mich, wenn ich sage, daß sie ein geschicktes Mädchen ist, so können Sie mir's glauben." Als er draußen war, schüttelte er den Kopf darüber, daß ihm Esther keinen weitern Auftrag gegeben. Jndeß tröstete er sich damit, daß die Menschen in solchen Dingen vorsichtig und diplomatisch sind, und nahm sich vor, das nächste mal direct auf sein Ziel loszusteuern. „Eingefädelt Hab' ich einmal die Sache", sagte er für sich und schritt wohlgemutst zum Dorf hinaus. Esther fühlte sich den ganzen Nachmittag fast unglücklich. Es war ihr, als ob man ihr den Eintritt in die feinern Kreise verwehrt hätte, aus Welchen sie so lange verbannt gewesen. Nur ein dünner Faden war zwischen ihrem Mutterhcrzen und dem schönen, ihr unbekannten Mädchen gesponnen worden, und einen Augenblick hatte sie sich bereits hingezogen gefühlt zu derjenigen, die ihr wie geschaffen schien, sie zur glücklichen Schwiegermutter zu machen. Und diese leise Anknüpfung war ihr Anlaß genug, um mit dem „stolzen Fräulein von der Puszta", dein sie sich nicht mit mütterlicher Zärtlichkeit nähern durfte, wenigstens zu schmollen. „Dieses schöne Fräulein von der Puszta!" so nannte Esther in ihrem Verdruß die schöne Helene Baumfeld, „sie scheint auch nur ein Auge für den Schein zu haben; sie denkt an Tanzen und an elegante Kleider; wer weiß aber, ob sie nähen und kochen kann!" So entflammte Esther, die gegen Abend vor ihrem Kramladen auf der Interessen des Judenthums. Gasse saß, in stillen Selbstgesprächen ihren Zorn gegen Helene Baumfeld. Und je mehr sie dies that, in desto Heilerin Licht erschien ihr die bescheidene Thätigkeit ihres Sohnes. Sie sah im Geiste, tief empört, wie Bela, der dockgerade hertte auf der Varischen Puszta zu thun hatte, mit der stolzen Helene zusammenkam und von derselben seines bäuerlichen Aussehens wegen, verspottet wurde. O, wenn sie nur dabei wäre, mit welcher glänzendeil Beredsamkeit wüßte ihr beleidigtes Mutterherz Beta zu vertheidigen! Recht so, inein Kind, so entflammte sie ihren Mutterstolz wieder, das geschniegelte Wesen ist doch meistens nur hohler Flitter! Du bist hier geboren, und kannst und sollst nichts anderes sein als eine Frucht dieses Bodens; du kannst nur stärker, klüger und reicher sein als die übrigen, und das bist du! Und mit der Zaubermacht des Mutterherzens hatte sie im Nu alle Theorien vom Anschluß an die Nation, unter welcher, und an den Stand, in welchem man lebt, überflügelt und genoß auf eiumal die süße Frucht derselben. Ist Bela nicht auch ein tüchtiger Landwirth? ist sie nicht reich? kann sie ihm nicht einen schönen Grundbesitz kaufen? Und wer sieht ihm nicht auf den erstell Blick an, daß er ein Ungar ist, um nichts welliger tüchtig als die meisten Mitglieder des Mittlern Adels der Gegend, die sie kannte! Und nun sah sie Bela im Geist als tüchtigeil, geachteteil Grundbesitzer mit all dem Ailsehen ausgestattet wie die ersten seiner Nachbarn. Und wer wird ihm die Aufnahme in ihre Reihen und den Kreis ihrer Gerechtsame wehren! Sie hätte Bela im Geist gegen einen ganzen Landtag mit ebenso glänzendem Erfolg vertheidigt wie gegen das hochinüthige Nasenrümpfen Helenens, wenn es im Jahre 185V einen Landtag gegeben, und wenn nicht ein Reiter ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, der sich vom untern Ende des Dorfes ihr rasch näherte. Eine Staubwolke, die vor ihm herflog, hatte der Wind einen Augenblick zur Seite gedrängt, und der Strahl der untergehenden Sonne, der den Kopf des " Reiters