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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 205

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 205 (sequence 21)
Language
German
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Verb auert. 205 gangen, und bis zu der Eisenbahnstation haben Sie noch eine gute Stunde zu gehen; legen «sie sich dort auf dem Sofa schlafen. Ich werde Ihnen schon eine Fahrgelegenheit besorgen lassen, damit sie die Eisenbahn nicht versäumen.^ Maier dankte mit überschwenglichen Worten für die Güte der Gastfreundin und streckte die ruhebedürftigen Glieder auf dem angebotenen Lager aus. Wol bemühte er sich, die Augen eine Weile halb offen zu halten und nach dem Brief wie nach einer gewissen Hand zu schielen; allein der Schlaf übermannte ihn in der nächsten Minute, und Frau Esther Kis nahm, nachdem sie eine Weile sinnend dagesessen, den Brief zur Hand und befreite ihn von seiner Hülle. Aus den ersten Zeilen ersah sie, daß dieser Brief an eine Freundin gerichtet war, mit welcher Helene den ewiger: Kund der Schulfreundschaft geschlossen hatte. Auf die ersten Betheuerungen unverbrüchlicher Liebe und glühender Sehnsucht folgte eine Schilderung der ersten Eindrücke, die Helene bei ihrer Heimkunft empfangen, und der Villeggiatura auf der Puszta, die sie eben angetreten; demfolgten mehrmals wiederholte Bitten nur ein gleiches ausführliches Schreiben, und schließlich wieder die glühendsten Versicherungen von ewiger Liebe und Freundschaft. Frau Esther Kis erblickte mit inniger Befriedigung in dem Inhalt diesem Briefes das Spiegelbild ihrer eigenen Jugend; ihr Gesicht leuchtete vor Freude, und fast schien es, als läge darauf der rosige Schein des Papiers, das sie in den Händen Hielt. Auch der Ausdruck des schlafenden Maier zeigte, daß er von rosigen Träumen umgaukelt wurde. Er sah Helene und Bela unter einem Trauhimmel, und gleich darauf erblickte er auf einem Thron hoch oben Frau Esther Kis, die ihm freundlich zulächelte und blanke Dukaten hinunterwarf. Der Schlafende schien den Athem anzuhalten, um die entzückenden Traumbilder desto ungestörter zu schauen. Und hatte denn die Mutter Esther Kis in dem Briefe nichts gefunden, was ihren Planen einen Anhaltepunkt botJ Bis zur Unterschrift enthielt der Brief, wie wir gezeigt, nichts Besonderes; der ganze bisherige Inhalt desselben konnte beweisen, daß das Herz Helenens noch ein unbeschriebenes Blatt, und eben auf die Jnhaltlosigkeit desselben konnte Frau Esther Kis ihre schönen Luftschlösser bauen. Aber plötzlich fuhr sie auf, wie von einer Natter gestochen, von einer Natter, die in Gestalt einer Nachschrift aus dem rosigen Brief emporfuhr. „ N a ch s cb rift", las sie weiter, und allmählich verscbwand von ihrem Gesiebt der Scbimmer innerster Befriedigung: „Naehsebrift. Mein Vater sagte mir, daß Wilhelm Liebenheimer um meine Hand angehalten habe, und er wünsebt sehr, daß ich meine Einwilligung gebe. Wilhelm hat uns ein einziges mal in der Stadt besucht. Er ist, wie mein Vater sagt, sehr reieb, und was ich von ibm zu sagen weiß, ist, daß er sehr elegant gekleidet und ein sehr guter Tänzer ist. Heute oder morgen erwarte icb ihn aucb hier auf unserer Puszta, und hier hoffe ich ihn erst eigentlich kennen zu lernen. Deine u. s. w." Frau Esther Kis sab sich aus allen Himmeln gestürzt, und der Kummer, den sie bisber im Herzen getragen und dessen Bedeutung sie nur halb gefühlt, tobte nun mit voller Gewalt in ihren: Herze::. „Elegant gekleidet" und „ei:: sehr guter Tänzer" zischte ihr die Scblauge, nachdem sie die verhängnißvollen Zeilen gelesen, fortwährend in die Ohren, und das kriechende Unthier schien zu wachsen, denn das Zischen ward immer lauter und drohte in ein schreckliches Brüllen überzugehen. Maier Schlemihl schnarchte nämlich jetzt mit aller Macht feiner langen Nase. Die Goldstücke, die ihn: das Traumbild hinunterwarf, wurden zu einer goldenen Leiter, und mit der Gewalt langunterdrückter heimlicher Gluten zog es ihn empor zu der guten, schönen Frau; er schnarchte vor Anstrengung, indem er auf der goldenen Leiter emporkletterte; dann sing er an, mit Händen und Füßen zu zappeln, und endlich siel er vom' Sofa und erwachte. Schweißtriefend richtete er sich wieder empor,

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