Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 204 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Jllustr. Monatsh. für die gef. schreibt, und Sie werden gleich sehen, was das für eine geschickte Person ist! Ich habe Briefe mitgenommen, die ich in der Stadt theils abgeben, theils auf die Post geben soll, und da ist auch einer darunter von meinem Fräulein; sie hat vergessen, die Oblate gut zuzukleben; da lesen Sie nur!" Wenn Maier Schlemihl den Brief seines Fräuleins lobte, so that er dies gewiß nicht, weil er in solchen Dingen ein Urtheil hatte. Er konnte ja nicht einmal lesen. Aber sagen nicht alle Leute in Pesth, daß Helene Baumfeld so gebildet ist, und sieht dieser Brief nicht so fein aus? Rosenfarbenes Papier mit Goldrändern in einem rosenfarbenen Couvert! Und hat ihre Erziehung in Wien nicht jährlich über tausend Gulden gekostet? Der Brief war, darauf hätte er geschworen, für sein Fräulein gewiß eine gute Empfehlung. Und warum wollte er sie denn der Frau Kis empfehlen, und warum fragte er plötzlich nach Bcla? Und wenn seiner Frage die Absicht zu Grunde lag, zwischen den beiden jungen Herzen eine Brücke schlagen zu Helsen, schien ihm Bcla nicht zu verbauert für seine junge Herrin, die so viel konnte, so vornehm gekleidet ging, und deren Erziehung in Wien jährlich über tausend Gulden gekostet hatte? Maier Schlemihl gab sich nicht damit ab, etwas abwägen zu wollen, was nicht aufs Maß oder aufs Pfund ging. Ob Kis Bcla für Helene zu verbauert oder gebildet genug sei, war bei ihm nicht die Frage. Hätte er übrigens über die Sache wirklich nachgedacht, so wäre ihm Bcla, dessen Wohlhabenheit und künftige selbständige Stellung in der Handelswelt über jeden Zweifel erhaben war, im schlimmsten Fall wie ein Landjunker von reinstem Adel erschienen; und ist ein Landedelmann mit unzweifelhaftem Reichthum nicht mehr werth als ein städtischer Parvenü, von dessen Vermögen kein Mensch wissen kann, ob es nicht aus lauter Seifenblasen bestehe? Außerdem war Maier Schlemihl überzeugt, daß er, wenn es ihm hier gelänge, dein Himmel, in welchem die Ehen geschlossen werden, vyrzuarbeiten, bei der guten, großmü- Jnteressen des Judenthums. thigen Frau Esther Kis auf eine stattliche Belohnung rechnen könnte, vielleicht gar auf einige hundert Gulden, die ihn im Verein mit seinen eigenen Ersparnissen auf einmal zum selbständigen Manne machen würden. Und selbst wenn dieser klingende Lohn ausbliebe, was ihm übrigens gar nicht denkbar schien, war es nicht schon Lohn genug, bei der schönen, guten, reichen Frau durch einen geleisteten Dienst sich noch mehr in Gunst zu bringen? Helene Baumfeld, war kaum aus Wien im väterlichen Hause angelangt, kaum hatte noch einer oder der andere von der j6uns886 cloros in Pesth sein Auge auf die glänzendste Erscheinung der dortigen Mädchenwelt geworfen, als schon die geheimen Gedanken Maier Schlemihl's über sie ein Netz von Planen und Absichten geworfen hatten. Dies genügt, um zu erklären, warum der treue Diener, dessen Händen sein Herr oft Tausende mindestens mit ebenso viel Zuversicht wie einer „feuer- und einbruchssichern" Cassa anvertrante, die vielleicht zarten Geheimnisse seiner jungen Herrin treulos einem fremden Auge preisgab. Frau Esther Kis war bei der Zumuthung, daß sie sich in fremde Geheimnisse drängen sollte, im ersten Augenblick befremdet, und sie ließ das rosenrothe Couvert mit dem vielleicht uoch rosigem Inhalt gleichgültig auf dem Tische liegen, auf welchen Maier es in der Hitze seines Diensteifers gelegt hatte. Aber das war der Brief eines gebildeten, jungen, reichen Mäd-' chens, wie sie selbst es einst gewesen, eines Mädchens, das vielleicht bestimmt war, ihr das mütterliche Glück, nach welchem sie sich so mächtig sehnte, als Schwiegertochter zu verkörpern, und mit allen Fibern des Herzens zog es sie zu dem zusammengefalteten Papier, und neugierig bohrte sie ihre Blicke in das Couvert, als ob sie auf diese Art die Geheimnisse, die es barg, hätte enthüllen wollen. Schon zuckte ihre Hand, mit welcher sie nach dem anziehenden Geheimniß greifen wollte, doch sie besann sich und blieb ruhig, und mit teilnehmender Güte sagte sie: „Sie sind ja so weit zu Fuß ge-