Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 203 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Perbauert. 203 gute Frau mit neuen Gesprüchswen-> düngen und Nachrichten. Maier Schlemihl, eigentlich aber Maier Weiß, war seit vielen Jahren eine Art Laufbursche im Hause des pesther Productenhändlexs Anton Baumfeld. Maier war schon längst kein Bursche niehr und konnte längst nicht mehr laufen, aber er war noch ehrlich und unwissend wie in seiner Jugend, und seine Ehrlichkeit hatte ihn in die Fesseln geschmiedet, die er noch heute als Bote trug. Herr Baumfeld hatte immer allerlei Geschäfte auf dem Lande zu besorgen, und wichtige Briefe, Papiere und Geld konnte er niemand mit solcher Sicherheit anvertrauen als dem allzeit getreuen Maier, der, im Vorbeigehen bemerkt, nur den einen Fehler hatte, daß er das ihm mitgegebene Fahrgeld, wenn es nicht besondere Eile hatte, gerne sparte und oft mehrstündige Strecken zu Fuß zurücklegte. Und auf seinen Kreuz- und Querwanderungen im Alföld war Maier unter anderm auch mit Frau Esther Kis bekannt geworden, in deren Hause er oft ausriihte, wenn er durch das Dorf kam, und deren Freundlichkeit den Lichtblick seines in dunkler Niedrigkeit dahinfließenden Lebens bildete. Nun erzählte er ihr bei Tisch allerlei, was ihr theils schon bekannt, theils noch unbekannt war, und unter anderm, daß er von nun an mindestens einmal in jeder Woche das Glück haben werde, bei seiner edeln Gönnerin vorzusprechen. Die Sache verhielt sich so. Baron Bari, mit welchem Maier'S Herr, Anton Banmfeld, seit vielen Jahren in Geschäftsverbindung stand, natürlich nur in einer solchen, wie sie zwischen hohen Herren und Kapitalisteil zu bestehen pflegt, war schon seit längerer Zeit in der Lage einer kriegführenden Partei, die ehren Posten nach dem andern aufgiebt, um zuletzt entweder völlig das Feld zu räumen, oder sich an einem letzten festen Ort so gut zu vertheidigen, daß sie an die Wiedereroberung der verlorenen Posten gehen kann. Baron Bari hatte im Kampf zwischen Soll und Haben ebenfalls eineir Posten nach dem andern aufgegeben, hier einen Wald, dort Felder oder eine Schafheerde. Wie Feinde, die sich zurückzuziehen genötbigt sind, verwüstete auch er den aufgegebenen Posten, jedoch nicht so, daß der Feind, oder er selbst keinen Nutzen davon hätte. Wenn er eine Puszta oder dergleichen aufgab, so war gewöhnlich die letzte Wagendeichsel, das letzte Pferd, das sich dort befand, vorher vernichtet, d. h. als Pfand verfallen oder geradezu verkauft, lind der letzte Punkt, den er soeben auf diese Art ausgegeben hatte, war die Väri'sche Puszta, drei Stunden von dem Dorfe entfernt, in welchem Frau Esther Kis wohnte. Anton Baumseld batte diese Puszta zu seinein Sommeralifentbalt gewählt und das dortige Wohnhaus neu einrichten lassen. Die Puszta lag nicht weit von einer Eisenbahnstation, und so konnte er jeden Sonntag einen Ausflug dahin unternehmen, während, wie Maier seine Mittheilung schloß, seit ungefähr vierzehn Tageil Baumseld's Tochter init ihrer Gesellschafterin dort ihren bleibendeil Sommerausenthalt hatte. „Seine Tochter?" fragte Frau Esther Kis, vlötzlicb entflammt und verwundert. „Ja, seine Tochter Helena", bestätigte Maier Schlemihl; „sie ist eine wunderschöne Person und so groß und stark, als wenn sie schon zwanzig Jahre alt wäre, vbwol sie erst siebzehn alt ist.. Und schön ist sie, daß ganz Pesth in Aufregung kommt, wenn sie sich auf der Gasse sehen läßt, und geschickt! Sie hat bisjetzt nichts als gelernt, denn sie war in Wien zur Erziehung und hat jährlich über tausend Gulden gekostet. Ihr Tanzen, ihr Klavierspielen ist ohnegleichen. Und französisch und englisch und ungarisch und italienisch redet sie wie ein Wäger! „Wo ist denn Ihr Sohn, liebe Frau .Kis?" unterbrach er plötzlich seine Lobrede. Frau Esther Kis erwiderte flüchtig, Bela habe einige Geschäftsgänge zu machen, und drang in ihren Gast, daß er ihr weiter erzähle von Helene Baumfeld. „Sie brauchen nur zu sehen, wie sie 14*