Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 202 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417809--213-2418051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

202 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Jndenthnms. fachen ruhigen Widerstand entgegen. Der stille Streit dauerte wol schon einige Zeit, aber er wurde niemals heftiger. Keine Nationalitäts- und keine politische Frage lag der Kleiderdiscussion zwischen Mutter und Sohn zu Grunde, die nicht allein durch die heiligsten Bande der Natur, sondern infolge ihrer eigenthümlicheu Lage fast durch innige Freundschaft miteinander verbunden waren. Frau Esther Kis gerieth auf den Gedanken, die Eitelkeit ihres Sohnes zu reizen, und ließ aus der Stadt den eleganten Anzug kommen, den wir heute Morgen in ihrenHänden gesehen. Aber Bc'la kannte keine Seele, der er durch den ihm fremden Anzug hätte gefallen wollen, und so konnte auch dieser Versuch seiner Mutter seinen Gleichmut!) nicht wanken machen. Frau Esther Kis, die den ruhigen Widerstand ihres Sohnes weder durch hartnäckiges Bestehen gewaltsam brechen noch auch überhaupt ihn reizen wollte, nahm in ihrem Innern die Sache dennoch keineswegs ruhig hin. Sie wollte nicht allein den Sohn, sie wollte auch sich selbst der bessern Welt, der sie entrückt und durch ihre Tätigkeit wieder nahe gebracht war, wiedergeben. Sie war an den Ort, wo sie stand, und an den weiten ländlichen Umkreis desselben durch vielfach verschlungene Fäden gebunden, aber sie wollte sie lösen, wo es anging, sie zerreißen, wo kein anderes Mittel war, nur um frei zu werden, und in einer Stadt, des Erworbenen froh, unter ihresgleichen leben. Aber ihren Sohn sah sie in dem Boden wurzeln, von welchem sie sich so gerne losgerisseu hätte, und sie hätte weinen mögen, wenn ihre Lage sie nicht gelehrt hätte, zu denken und zu handeln, wenn sie überhaupt bei ihren vielen Geschäften sich Einem Gedanken, Einem Geschäft hätte lange hingeben können. Es wird und muß sich ein Ausweg finden, dachte sie, und— das Geschäft hatte sie wieder. Sie empfing und entließ Kunden, schrieb Briefe und Rechnungen, und niemand hätte dem ruhigen, heitern Gebaren der hübschen brünetten Frau angesehen, daß ihr Herz nach einem Ausgleich rang zwischen der Sehnsucht nach den Blüten eines veredeltenLebens und bäuerlicherSelbstgenügsamkeit. Der Unmuth hätte sich jedoch gewiß wieder auf ihr Gesicht gelagert, wenn sie, da Bela nicht zu Hause war, beim Mittagessen allein geblieben wäre; indeß erhielt sie einen Gast, der sie stets zur Heiterkeit zwang, selbst wenn sie nicht gerade in der heitersten Laune war. Sie saß eben sinnend im Laden, als Maier Schlemihl hereintänzelte; müde von einer meyrstündigen Fußwanderung, war er doch von Glückseligkeit gehoben, weil er ihr, der reichen, aber doch gütigen und freundlichen Frau, nahte; schweißtriefend von der Mittagsglut, ries er doch lachend, um lächelnde Freundlichkeit zu zeigen: „Guten Morgen! Guten Morgen!" Und nachdem Esther ihn willkommen geheißen, rang sein armer, von Seligkeit betäubter Geist vergebens nach neuen Wendungen und er rief noch immer ein über das andere mal: „Guten Morgen! Guten Morgen!" Frau Esther Kis hieß einen ihrer Dienstboten einstweilen im Laden bleiben und zog ihren Gast in die Wohnstube, wo den Müden ein weicher Sitz, den Hungerigen ein guter Mittagstisch, den Erhitzten eine kühle Luft und den vom Anblick der, in seinen Augen von Schönheit strahlenden Frau Geblendeten durch Vorhänge gedämpftes Licht erwartete. Hier erst kam der dürre, zerbrochene Mann zum Bewußtsein seines Elends, und sein armes Gespräch wurde auf einmal reicher. Er sprach von der Müdigkeit, die er spüre, von der Hitze die er auszustehen hatte, von der.Gewissenlosigkeit der reichen Leute — hier segnete er. Frau Esther Kis in seinem Herzen und mit Worten als eine glänzende Ausnahme —, die so einen armen Menschen für -die paar Groschen, die sie ihm geben, erbarmungslos herumhetzten. Erst beim Essen beruhigte er sich allmählich, und als sein jammerndes Gemüth nicht allein ins Gleichgewicht gebracht, sondern durch ein Glas guten Weines auch angefrischt und erheitert war, unterhielt er die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.