Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 201 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Verbauert. 201 welche anfangs ihre kümmerliche Lage mit sich brachte, kam dieser Schmerz ans viele Jahre nicht zum Durchbruch. Nichtsdestoweniger kam sie sich stets wie ein veredelter Rosenstrauch vor, der, bestimmt, Gartenrosen in üppiger Pracht zu tragen, durch unglückliche Zufälle in einen Wald versetzt, wilde Rosen trägt, aus welchen gemeine Hagebutten werden. Findet man nicht in der That ähnliche und noch verschiedene andere Wandlungen schon in der kurzen Geschichte der Generationen, wie sie sich dem Blick des. Beobachters in der Zeit eines Menschenlebens darbietet? Der Großvater ein Talmudlehrer, Rabbiner oder Abkömmling eines berühmten Rabbinergeschlechts, ist ganz seinen Forschungen hingegeben und führt auch ein heiliges Leben; die Familie, die ihn in ebenso frommem und reinem Leben umblüht, ist ein edler Boden, in welchem die Saat moderner Bildung üppig und prachtvoll aufgeht; Künstler und Kunstmäeene, aus der Höhe der Zeit stehende Industrielle und Kauflente gehen aus der zweiten Generation hervor, und die Familie hat bereits eine Geschichte, eine Genealogie gleich adelichen Geschlechtern; und gleich adelichen Geschlechtern trägt die dritte Generation nebst den gesunden auch wurmstichige Früchte, nebst Bluten, die sich zur Frucht entwickeln, auch solche, die vor der Zeit welken und abfallen. Andere Familien haben wieder eine andere oder eigentlich gar keine Geschichte. Von der vorigen Generation ist nirgends eine Erinnerung vorhanden, und die heutige ist ein Geschlecht von Parvenüs; der Vater bedeutete nichts, weder durch orthodoxe, noch durch moderne Bildung, noch durch Geld; er machte durch irgendeinen Zufall ein glückliches Geschäft, und seine Kinder wachsen in den Genüssen des Luxus aus und haben von der Bildung nur den Firnis; manchmal dringen die Elemente der Bildung in der zweiten, dritten Generation von der Oberfläche ins Innere, die Individuen veredelnd, und manche gehen an der oberflächlichen Bildung wie an einem gefährlichen Ausschlag zu Grunde. Andere, die auf der Stufenleiter der Hilberg's Illustrirte Monatshefte. I, ii. — Juni 1865. seinem Entwickelung ziemlich vorwärts gekommen, werden sdurch die Macht der Verhältnisse wol nicht erdrückt, aber zurnckgedrängt, um durch die Berührung mit der Mutter Erde^ durch Arbeit und Anstrengung zu neuer Kraft und allmählich zu neuer edlerer Entwickelung zu gelangen. Und diejenigen, welche die drückende Macht der Ver hältnisse zrierst an sich erleben, glauben und klagen, wie Frau Esther Kis, sie seien von üppigen Gartenrosen zu wilden Rosen degradirt. Lange trug Frau Esther Kis ihren Schmerz in sich, ohne sich dessen klar bewußt zu sein. Als aber ihr Fleiß immer mehr gesegnet wurde, als sie sich in der Lage sah, das bessere Leben, das sie in ihrer Jugend gekannt, wieder zu führen und auch ihren Sohn genießen zu lassen, als sie sich den „bessern", den wohlhabendem Fami lien auch durch ihren Wohlstand eben bürtig fühlte und, mütterlich besorgt, an die Verheirathung ihres Sohnes zu denken anfing, da gewahrte sie mit Verdruß, ja mit Schinerz die Verbauerung ihres Sohnes, welcher in keines der Verhältnisse paßte, die sie sich zu gestalten gedachte. Zuerst glaubte sie die Sache damit abgethan, indem sie ihn aufmerksam inachte, es sei Zeit, daß er sich seinem Stande gemäß kleide. Bela lehnte eS einfach ab. Sie rückte mit Heirathsprojeeten hervor, aber Bela fühlte sich bei der Anregung einer Heirath ganz gleichgültig. Die Mädchen des Dorfes standen ihm natürlich fern; andere, mit.welchen ihn Stand und Abstammung in itäbere Berührung hätten bringen können, gab es im Torfe nicht; und ail andern Orten, wo er hinzukommen pflegte, war er bisher nur in kurze geschäftliche Berührungen gekommen, nirgends in gesellschaftliche. Und so war er trotz seiner einundzwanzig Jahre jung geblieben wie ein Knabe. Heirathen! Der Gedanke berührte ihn nicht im mindesten. Deshalb hatte er keinen Grund, über die Civilisationsbestrebungen seiner Mutter weiter nachzudenken. Ihren Znmuthungen, diese oder jene Kleider anzulegen, setzte er keinen leidenschaftlichen, sondern ein- 14