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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-06-01 · Heft 3 (Juni 1865) · p. Seite 200

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 3 (Juni 1865)
Date
1865-06-01
Page
Seite 200 (sequence 16)
Language
German
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200 Jllustr. Monatsh. für die ges. der in Pesth in Pension war, konnte sie nicht mehr bestreiten. Ihren ländlich üppigen Hausstand mußte sie auf das Allernvthigste reduciren, und um sich und ihr einziges Kind zu ernähren, richtete sie sich mit einigen kleinen Trümmern ihres Vermögens in dem Dorfe, wo ihr Mann als großer Pachter feinen Wohnort hatte, ein kleines Geschäft ein; und wenn sic auch bis dahin sich blos mit Führung ihres Haushaltes, mit geselligen Vergnügungen und Lektüre beschäftigt hatte, so fand sie doch, von der Noth belehrt, sich allmählich in das neue Leben und in die Kunst, ihr Geschäft zu ihrer eigenen und ihrer Kunden Zufriedenheit zu leiten. Ihre Fertigkeit im Schreiben und Rechnen kam ihr dabei zu statten. Anfangs das Mitleid der Leute, später Achtung vor ihrem ebenso klugen als rechtschaffenen Gebaren gaben ihrem Geschäfte Halt und erweiterten den Kreis desselben immer mehr. Jbr Bela mußte im Geschäft, soviel der Knabe tonnte, Mitwirken. Die schonen Kleider, die ihm aus den bessern Tagen geblieben waren, mußte er abnutzen, neue wurden nur selten und mit Sparsamkeit angeschafft, und nicht, wie früher, bei den Kleiderkünstlern der Stadt, sondern beim Schneider des Dorfes. Bela war ein kluges Kind und begriff gleich, daß er seiner Mutter erwerben und sparen helfen müsse. Gegen seinen sich allmählich verbauernden Anzug hatte er eben wegen der Allmählichkeit.nichts einzuwenden. Im Dorfe wohnten keine andern Juden oder sonst Leute, deren Kinder deutsch und städtisch gekleidet wurden. So machte ihm denn auch kein Unterschied seinen Anzug fühlbar. Bald auch merkte Frau Esther Kis, daß ihr Bela überall, wo sic ihn hinschickte, in Herrschafts- und Bauerhäusern, wohl gelitten war. Sprache und Kleidung unterschieden ihn von keinem Bewohner der ganzen Gegend, und er wurde überall als — versteht sich nur in nationaler Hinsicht — ebenbürtig ausgenommen. So wuchs Bela dem Aeußern nach als Bauerbursche auf. Hier und da beim Csärdästanzen oder bei gelegentlichen Gesprächen kam er mit den Bewohnern des Dorfes Interessen des Judenthums. auch in nähere freundliche Berührung; seine Geschicklichkeit im Blasen auf Rohrpfeifen und primitiven Flöten aller Art, wie sie beim ungarischen Volke üblich sind, machte ihn sogar beliebt. Er hatte, als er noch in Pesth in Erziehung war, bereits angefangen Klavier spielen zu lernen und dabei Talent gezeigt; aber die Freude hatte bald ein Ende. Doch das einmal angeregte musikalische Bedürfniß des Knaben hatte sich auch ferner geltend gemacht, und so versuchte und lernte er auf den primitiven Instrumenten der Dorfjugend die Nationalmelodien zu spielen. Frau Esther Kis war der Entwickelung ihres einzigen Bela mit beseligter Mutterliebe gefolgt, sie sah ihn körperlich und geistig gedeihen, und er ward immer kräftiger und klüger und stand ihr, in das Geschäft tüchtig und mit immer größerer Gewandtheit eingreifend, liebevoll zur Seite. .Die äußerliche Verbauerung ihres Sohnes hatte sie eine Zeit lang gar nicht bemerkt, und erst vor nicht langer Zeit hatte sie angefangen daran Anstoß zu nehmen. Die Tochter eines Wohlhabendei: Kaufmanns in Böhmen und mit dem Wesen und Flitterwerk einer sogenannten gebildeten Erziehung ausgestattet, hatte sie zwar einer ganz andern Zukunft entgegengesehen als derjenigen, die sich ihr später thatsächlich eröffnete, und ihre glänzenden Träume schienen sich sogar noch glänzender zu verwirklichen, als sie die Braut und bald auch die Gattin eines „ungarischen Grundbesitzers" wurde; allein voii ihrem Manne betrogen und hülflos gelassen, ohne Unterstützung von ihrem Vater, der mittlerweile zu Grunde gegangen war, mußte sie sich in ihre Lage finden, und so gab sie sich, wie gesagt, anfangs auch mit dem bäuerlichen Aussehen ihres geliebteil Knaben zufrieden, den sie gleich der übrigen MlN6886 ckoroo sich als einen jungen Cavalier entwickeln zu sehen gehofft hatte. Der Schmerz darüber, daß sie sich in ihrer Hoffnung getäuscht sah, erstarb indeß nie völlig in ihr. Unter der Emsigkeit, welche die Geschäfte ihr geboten, und in der Beschränkung,

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