Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 198 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des JudenthumS. der Nähe kein erhöhtes Ansehen verleihen, desto mehr aber dem unscheinbaren Punkt im Dorfe die achtungsvolle Aufmerksamkeit entfernterer Produkten-Stapelplätze, wohin sie in Massen gesendet werden, zuwenden. Für die Bauern, die sich ihre Landsleute nannten, war Esther Kis nur die „Jüdin", bei welcher man für Geld, für ein bischen Wolle u. s. w., hier und da sogar auf Credit Bänder, Schnaps, Stecknadeln, Tabackspfeifen u. s. w. bekam. In Szegedin, in Szolnok, ja selbst in Pesth hingegen sprach man mit Achtung von ihrer Solidität im Handel, von ihrer Klugheit und Erfahrenheit. Und erst von ihrem Vermögen! Je weniger darüber Bestimmtes bekannt war, desto mehr liebten es die Leute, sich über das Vermögen der Frau Esther Kis in fabelhaften Uebertreibungenzu ergehen. Aber die öffentliche Meinung brachte es hierüber zu keiner bestimmten feststehenden Ansicht; wie Quecksilbertropfen flogen die Nullen vom Reichthum der Esther Kis in großer Anzahl umher: bald besaß sie Hunderttausende, bald höchstens zehntausend Gulden. So viel ist gewiß, daß man darüber einig war, Esther Kis besitze ein hübsches Vermögen. Leute, die mit ihr in Berührung gekommen waren, pflegten auch hinzuzusetzen: „Und ums sie noch für ein schönes Weib ist! Schad' um sie, wirklich!" Das heißt: Schade um den, der die in einem Alter von 37—38 Jahren noch immer sehr hübsche, stattliche und dazu, wie gesagt, reiche Witwe nicht zum Weib bekommen konnte. Mancher Witwer von entsprechendem und sogar nicht völlig entsprechendem Alter hätte Herz, Hand und Vermögen der von allen Seiten so vortheilhaft bekannten Frau zu gewinnen gestrebt, wenn diese schätzbaren Güter nach menschlichen Gesetzen überhaupt zu erstreben gewesen wären. Esther Kis wußte aber nicht, ob sie Witwe sei oder nicht; denn vor zehn Jahren war ihr Alaun, damals ein berüchtigter Spieler, durchgegangen, und seitdem hatte sie nie etwas von ihm gehört. Man war also auch darüber einig, daß die vielgenannte Frau ihr Vermögen' für sich allein und ihren Sohn behalten müsse. Nur in Einem Punkt war das Denken und Thun der Frau Kis Denjenigen, die sich mit ihr beschäftigten, nicht erklärlich. Sie besaß — das stand im allgemeinen fest — Vermögen genug, um sich von dem kleinlichen Geschäft in ihrem Dorfe zurückziehen und in der Stadt eine Firma begründen zu können, die zufolge ihres Vermögens, ihres Geschäftsgeistes und ihres guten Credits gewiß nicht zu den allerletzten gehören würde. Sie hätte dieses auch schon aus Rücksicht für ihren Sohn thun sollen, den man zwar in der städtischen Geschäftswelt nicht genau kannte, von dem aber die Sage ging, daß er seiner Mutter tüchtig zur Seite stehe, und dem mancher wohlhabende Geschäftsmann gern seine Tochter zur Frau gegeben hätte. So viel also war über die Verhältnisse der Frau Esther Kis mit größerer oder geringerer Klarheit bekannt; gewiß aber wußte man, daß sich der commerzielle Wirkungskreis dieser Frau nicht auf Kleider, zum wenigsten auf elegante städtische Kleider erstreckte. Was hatte sie also in den rosigen Stunden des Maimorgens, oder auch zu einer andern Zeit, mit diesen Kleidungsstücken zu thun? Sie hielt eins nach dem andern vor sich hin und starrte es mit einem bekümmerten Zug um den hübschgeschnittenen Mund an; und ein Gemisch von Schmerz und Freude glänzte dabei in ihrem Gesicht. Sic hörte derbe, schlürfende Schritte von der Stube aus, mit welcher der Kramladen in Verbindung war, und legte die Kleider, wie erschrocken, rasch unter das Pult. Gleich aber besann sie sich eines Bessern und legte das schöne schwarzsammtene Gilet wieder hinauf; dann öffnete sie eine verborgene Lade des Pultes, holte daraus ein wohlverwahrtes Etui und nahm aus diesem eine goldene Taschenuhr mit langer goldener Kette. Sie paßte beides an das vor ihr liegende Kleidungsstück in derselben Weise, wie wenn ein lebendiger stolzer Träger desselben sich mit dem Kleinod geschmückt 'hätte, hielt das Kleidungsstück sammt Uhr