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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-05-01 · Heft 2 (Mai 1865) · p. Seite 173

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 2 (Mai 1865)
Date
1865-05-01
Page
Seite 173 (sequence 69)
Language
German
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173 Staat und Kirche nach den Lehren des Judenthums. das Recht meines Sklaven oder meiner Magd gering geachtet? Mein Schöpfer ist ja auch ihr Schöpfer; er hat uns alle im Mutterleibe gebildet. Grausamkeit und Härte findet man bei den Heiden, aber die Nachkommen Abraham's, denen sich Gott geoffenbart und weise und gerechte Gesetze gab, sind nachsichtig und schonend. Wie Gott barmherzig ist, so müssen auch wir barmherzig sein; wer sich erbarmt, dessen erbarmt sich Gott wieder, wie geschrieben steht: „Er wird dir Barmherzigkeit geben, wird sich deiner erbarmen und dich vermehren." Maimuni, der in den Geist des Gesetzes eindringt, verlangt, daß die persönliche Würde auch des heidnischen Sklaven geachtet werde. Sichern kann der Herr seine Rechte, aber sanft und mit Geduld, denn die Menschen sind alle Gottes Knechte, die von ihrem Herrn Schonung und Duldung verlangen. Er, der Richteraller Welten, wird dein Menschen vergelten, was er dem geringsten seiner Brüder gethan. Der Mosaismus verlangt auch, daß der ganze Siebentheil des Sklavenlebens von aller Arbeit und Last befreit sei, und dieser Siebentheil falle auf den Sabbat, auf den heiligen, geweihten Tag, um auch den heidnischen Sklaven nicht zur nimmer rastenden Maschine herabzuwürdigen, um ihm das Beispiel echter Neligiosität zu geben und bei ihm für Unterhaltung religiöser Gesinnungen zu sorgen. Wenn der Sklave den Israeliten mit Ehrfurcht von den göttlichen Dingen zu den Seinen reden hörte, ihn mit Ehrfurcht im Kreise der Seinigen zu Gott beten sah; wenn er sah, wie in seinen Worten und Mienen der Geist einer alles mit Würde und Liebe umfassenden Religion sich verkündete, dann konnte der Untergebene unvermerkt, gleichsam unwillkürlich seinem Beispiele folgen; denn das, was Vorgesetzte Lhun, wirkt mit unwiderstehlicher Macht auf diejenigen zurück, welche da sind zum Gehorsam. Du hast keinen Sklaven mehr, du hast einen Bruder, einen Menschen mit persönlicher Würde, der in der Stille seine Hände zu Gott emporsaltet und für dich betet. Die Achtung vor der persönlichen Würde des Menschen zeigt sich auch in der mosaischen Strafgesetzgebung. Sie kennt z. B. keine Steigerung der Strafe wegen Wiederholungsfällen, keine Peinigungen und Torturen bei der Untersuchung, keine vorläufigen Qualen und Martern bei der Todesstrafe, und schreibt ausdrücklich vor, daß nicht statt der Aeltern die Kinder oder statt der Kinder die Aeltern bestraft werden sollen. Die mosaische Verfassung hat allerdings nach dem Erlöschen des jüdischen Staatslebens in Kanaan keine bindende Kraft mehr, Erlaß- und Sabbatjahr u. s. w. haben längst ihre Geltung verloren, ohne jüdisches Staatsleben in Kanaan hat die mosaische Verfassung keine Bedeutung. Auch haben die jüdischen Staaten nach der Zerstörung des Tempels, unter dem Scepter der Chaganen in Chazarien und der jüdischen Machthaber in Arabien nicht im entferntesten daran gedacht, die mosaische Verfassung in ihrem Reiche einzuführen, aber der Geist der mosaischen socialen Institutionen ist darum nicht erloschen. Reiche dieser Welt sind verschwunden, Kronen sanken in den Staub, aber das jüdische Reich, d. i. der Geist der Wahrheit, Gerechtigkeit und Vollkommenheit, wurde nimmer ein Raub der Zeiten. In alle Himmelsstriche, nach allen Enden und Ecken der Welt wurde Israel zerstreut, und überall trug es mit sich das Licht der Wahrheit, das mit seinen Strahlen erwärmt, erleuchtet und beglückt, überall trug es mit sich seines Reiches Herrlichkeit. Das Ehristenthum hat in seiner Ursprünglichkeit das Judenthum nicht negirt, und wenn es sich auch später von der Beobachtung äußerlicher Gebräuche und kirchlicher Eeremonien als nicht zur Glückseligkeit führend lossagte: die Gnade und die Wahrheit, das Heilige und Vollkommene des Mosaismus als das wahrhaft Göttliche hat es nicht aufgegeben. So ist die ganze Sittenlehre des .Judenthums ewig und unabänderlich, vollkommen und ohne Mangel. „Du sollst Gott lieben. . . und deinen 'Nächsten als dich selbst" (Mattb. 22, 37. 38), der höchste Grundsatz der Pslichtenlehre, steht wörtlich 3 Mos. 15, 18. Das Gebot der Feindesliebe, der glänzendste Lichtpunkt der neutestamentlichen Lehre, steht Sprichw. 25, 2l. 22. Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit sind im Mosaismus Pslichtgebote. Johann David Friedrich Schottin, Pfarrer zu Köstritz, ließ 1822 folgende Worte drucken: „Das ist die echte Moral, die zu ihren Satzungen wie Moses den einzigen Grund hinzufügte: Denn ich bin der Herr euer Gott; ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig." Die Heiligkeit des Familienlebens, die Wahl des ehelichen Lebens, die ehelichen Gesetze und Vorschriften haben den Mosaismus zur Quelle und Norm; nun so kann auch der Geist des Soeialismus, der in den mosaischen Ceremonialgesetzen liegt, nicht verscheucht, nicht annulirt werden. Auch das Judenthum hat eine Menge von äußerlichen Vorschriften aufgeben müssen, aber nicht die in ihnen liegende Lehre, die in ihnen liegende Religion, die in ihnen liegende ewige Wahrheit. Das Aeußere, die irdische Hülle ist geschwunden, aber nicht die innere Seele; das Aeußere, das Sichtbare ist nicht mehr vorhanden, aber nicht das innere Unsichtbare. Nachdem der jüdische Staat zerstört war, die Juden aufhörten ein selbständiges Volk zu sein, dachte man über die Ursachen dieses Sturzes nach. Man gab die Schuld nicht der Verletzung äußerer Eeremomonien, sondern der verfehlten Mission der Juden. Manche meinten, Israel, das berufen war, Moral und Tugend zur Erweiterung des Reiches Gottes auf Erden allen Völkern zu lehren, habe selbst die Grundlage aller Tugend, welche zur Gottähnlichkeit führe, zerstört. „Wegen Mord, Unzucht, wegen Haß, Lieblosigkeit und Verfolgung wurde Jerusalem zerstört." Andere wieder hoben die socialen, staatlichen und politischen Sünden hervor. „Wegen Verletzung des Sabbats, der Schemita- und Jubeljahre wurde Jerusalem zerstört." In diesen

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