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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-05-01 · Heft 2 (Mai 1865) · p. Seite 168

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 2 (Mai 1865)
Date
1865-05-01
Page
Seite 168 (sequence 64)
Language
German
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168 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. menschliche Gesellschaft, wie es das Judenthum vorzeichnet, lebt immer und ewig; Israel trägt es in seinen Grundzügen, in allen Staaten umher, wenn auch die Local- und Zeitfärbungen der theokratischen Institutionen verwischt sind. Die Juden bilden nirgends, wo sie als treue Anhänger des Vaterlandes leben, einen Staat im Staate, eine Gesellschaft in der Gesellschaft; sie leben nimmer isolirt vom allgemeinen socialen Leben, aber nichtsdestoweniger sind die politischen und socialen Fragen aller Staaten in seiner Thora entschieden: sie lehrt in ihren Institutionen, wie das Religiöse und das Staatliche verschmolzen sein, wie es sich durchdringen müsse, und wie auf diese Weise die Politik dem Schiffbruche entgehen könne. Es darf die Lehre vom Leben, vom Staate und der Gesellschaft nicht unterschieden sein, es muß der Mensch als Individuum und als Glied der Gesellschaft auf dem Boden des Religiösen stehen, das ganze Leben sei Religion, und die Religion enthalte das ganze Leben! Das Judenthum hat gar mannichfache Formen angenommen, es hat im grauesten Alterthume begonnen, wurzelt im frühesten Alterthume, ist aber durch den Bildungsproceß von Jahrtausenden gegangen, ohne seine eigenthümliche und standhafte Richtung auszugeben. Aus einer Menschenmasse, aus Atomen eines Volks und Staats wurden die Israeliten eine Nation, bildete sie Moses zu einem Staate. Alle Formen der alten Welt wurden durchgemacht, angenommen und wieder zerstört. Republik mit militärischer und endlich theotratischer Spitze (Richter, Eli und Samuel), erbliche Monarchie (Juda), Wahlmonarchie (Israel), in der ersten Periode. In der zweiten, der Zeit des zweiten Tempels, abwechselnd Statthalterschaft fremder Mächte (persische, syrische und römische Provinz), Theokratie und endlich Vereinigung theokratischer und monarchischer Gewalt in Einer Person, mit der Beschränkung unabhängiger Senate (große Versammlung und Synedrien). Mit der Zerstreuung der Juden in alle Welttheile, mit dem Verlust ihrer Selbständigkeit und Heimat wurden sie wieder eine formlose, anorganische, atomistische Masse und betraten die politische Laufbahn von neuem. Nun galt es, von dieser niedrigsten, untersten Stufe der Gesellschaft sich zum freien bürgerlichen Standpunkte wieder hinaufzuarbeiten. Nun wollten sie nicht mehr eine Nation, einen eigenen Staat produciren, sondern mit und an allen Völkern zur höchsten Entwickelungsstufe der menschlichen Gesellschaft hinaufstreben. Nicht ein eigenes Volk, nicht einen eigenen Staat, nicht eine besondere Politische Körperschaft wollten die Juden jemals bilden, sondern von den Völkern vollgültige Aufnahme in ihre Gesellschaft und somit Teilnahme am allgemeinen gesellschaftlichen Verband erlangen; aber dieser gesellschaftliche Verband soll sich an seinen, des Juden, heiligsten Institutionen, an dem Geiste seiner Thora, an dem Quelle seines Buches aller Bücher aufbauen, festigen, kräftigen und stärken und sich vor Sturz und Verfall wahren. Nicht Vernunft und Verstand können die menschliche Gesellschaft begründen und beglücken: die nehmen die Richtung hinab in das Irdische, auf das Sinnlich-Bequeme, Nützliche und Angenehme; der Mensch ist das klügste, aber auch das furchtbarste unter den Thieren. Was der Mensch viele Jahrhunderte hindurch für das Wohl der menschlichen Gesellschaft geschaffen, für das politische Leben gegründet, bleibt unvollkommen und hinfällig wie alles Irdische, wenn er nicht die Offenbarung befragt. Erst durch die Offenbarung, durch die Kundgebungen der Gottheit tritt der Geist des Sterblichen in die Reihe gerechter und weiser Gesetzgeber, wird ihm der Schöpfer der Unendlichkeit zum Rathgeber, die ganze menschliche Gesellschaft zur Heimat, und was er im Staate und für den Staat wirkt, ist nicht auf eine Spanne Zeit, nicht auf Jahrzehnte, nicht auf Jahrhunderte, sondern für ein endloses Dasein berechnet. Die Religion zeigt die enge Verknüpfung der Menschheit untereinander und mit der Gottheit. Nicht Kirche und Staat, aber Religion und Staat müssen eins sein, die Lehren und Vorschriften der Religion müssen die belebende, verherr^ lichende, innere Sonne der Politischen Welt sein, dasjenige, was die gesummten bürgerlichen Vereine vergöttlicht und ihnen ihre wahre Bestimmung, Kraft und unwandelbare Richtung gibt. Wohlan! laßt uns hören, was die Lehrmeisterin der Menschheit, die Führerin der Erdbewohner, aus der so vieles in die Menschheit übergegangen ist und immerfort übergeht, der menschlichen Gesellschaft anräth zur Organisation des socialen Lebens! Vielleicht ist die Politik glücklich, die es nicht verschmäht, die Religion' als Rathgeberin anzuerkennen, welche auch die Moral und die Heiligung des Individuums als ewigen Maßstab, als ewige Richtschnur in die Welt eingeführt. Die Grundgliederungen des Gesellschaftsorganismus bilden die Familie, den Staat und die Religionsgesellschaft. Die Primitivste Socialform ist ohne Zweifel die Familie, die eheliche oder häusliche Gesellschaft; sie hängt mit der Natur des menschlichen Daseins aufs engste zusammen, ist der Quell der Gesellschaftserhaltung und die Pflanzstätte aller humanen Bildung. Die eheliche Gesellschaft entwickelt sich aus dem Geschlechtsgegensatze; aber der Geschlechtstrieb für sich stiftet noch nicht schlechthin eine dauernde Vereinigung; nur durch seine sittliche Veredlung, durch eine höhere Lebensweise wird er dies. Die Naturliebe, verklärt im Element des Geistes, der freien Selbstbestimmung und gesteigert dadurch zur persönlichen Wechseldahingabe, vollzogen vor Gottes Angesicht, nach seinem heiligen Willen und unter seinem segnenden Schutze, wird sittliche, religiös geweihte Liebe. Wie das eheliche Verhältniß zu ihrer Ur- und Durchbildung eine religiös-sittliche Potenz im Menschen voraussetzt, dient es seinerseits hinwieder zur lebendigen Entwickelung derselben.

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