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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-05-01 · Heft 2 (Mai 1865) · p. Seite 165

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 2 (Mai 1865)
Date
1865-05-01
Page
Seite 165 (sequence 61)
Language
German
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Staat und Kirche nach den Lehren des Judenthums. 165 waren gewisse Waschungen zu den Opferfeierlichkeiten für die Priester vorgeschrieben, so sollte auch das Volk die gewöhnlichen Mahlzeiten mit gleichen Vorbereitungen genießen, „profane Frucht mit der Reinheit des Heiligthums". War der Tempel besonders Stätte der Priester, hatten sie dort den Opferdienst zu verrichten, waren die Opfermahlzeiten der Sammelpunkt der Priestergesammtheit, und waren diese selbst eine religiöse Handlung, so trat nun das Volk auf mit Nebentempeln, mit Synagogen, die den Tempel zwar nicht ersetzen, aber Volkstempel werden sollten; auch sie verzehrten Mahlzeiten in Genossenschaften, die eine ähnliche Weihe erhalten sollten. Das Mahl wurde geweiht durch Waschung, als heiliger Fleischgenuß, der Wein vertrat das Trankopfer, und auch das Räucherwerk durste nicht fehlen. Diese frommen Mahlzeiten wurden durch Gebete gehoben, und man ward so im gewissen Sinne auch Priester. So entstand durch das Pharisäische Bestreben, einen Priestercharakter zu tragen, die große Institution der Gotteshäuser u. s. w. Wie die Pharisäer dem hierarchischen Bestreben und der Präponderanz der Priester mit unerschütterlicher Ausdauer entgegenarbeiteten, mit eiserner Consequenz ihnen Opposition machten und das ganze Volk als heiliges Priestervolk ausbilden wollten, so bildeten sich auch damals Propheten und Prophetenschulen heran, gegründet von den Essäern, zu deren Statuten die Gütergemeinschaft, die gemeinsamen Tafeln gehörten, wie bei den alten Prophetenvereinen. Sie entzogen sich allmählich von jeder Theilnahme am Opferdienste und führten ein heiliges, echt priesterliches Leben. Ihre Scrupulosität, mit welcher sie die levitischen Reinigkeitsgesetze beobachteten, war keine Nachahmung der alten Prophetenvereine, sondern priesterliche Weihe, die sie noch energischer als die Pharisäer im Leben einführen und dadurch das Volk zum Priestervolke machen wollten. Aber nicht nur durch die That, sondern auch durch das Wort wollten sie, wie die einstigen Propheten', auf die Gemüther der Mitwelt wirken: sie traten daher auch als Wahrsager auf, und es fehlte ihnen nicht an Zuhörern, die ihren Worten lauschten. Aus diesem Orden ging das Christenthum hervor, welches in seiner ursprünglichen Anlage mit dem Mosaismus dadurch brach, daß es den Satz proclamirte und zur Geltung bringen wollte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; ferner: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Das ursprüngliche Christenthum lehnte alle weltliche Herrschaft, alle Verbindung mit den Thronen und Kronen der Erde ab; es stellte den Satz aus: Religion und Staat müssen voneinander getrennt sein, müssen die gegenseitige Durchdringung ein für allemal aufgeben, können sich niemals assimiliren, niemals sich organisch vereinigen; das Christenthum brach mit der mosaischen Theokratie. Im Judenthum, welches nach der Zerstörung des Tempels alle politische Selbständigkeit verloren hatte, kam das Rabbinerinstitut zur Blüte, was immer nur ein Lehrinstitut war ohne weltliche Bevorratung. Unter den vielen Momenten, welchen die Rabbinen die Förderung des Unterganges des jüdischen Staats zuschrieben, unter den vielen Ursachen, welche sie in dieser Beziehung hervorhoben, verdient mit Recht die Einführung eines oberpriesterlichenRegentenhauses einen hervorragenden Platz. Die Hierarchie hat daher dem Judenthum aus dem letzten Zeiträume seiner staatlichen Selbständigkeit ein viel zu düsteres Denkmal hinterlassen, als daß sie, mit einem Reize versehen, irgendwo anlockend geworden wäre. In allen Jahrhunderten, welche seit dem Falle Jerusalems durch Titus verflossen, in den Jahrhunderten der gräßlichsten Leiden und Drangsale, ließ man die Bemerkung nicht fallen, daß die Makkabäer durch die Erhebung ihres Hauses zu einer königlichen Dynastie sich selbst und der Selbständigkeit Israels den Untergang bereitet und den Todesstoß gegeben haben. Gleichwol sagte man sich in den gemächlichen Contemplationen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Israels von der Theokratie, von der Vereinigung des Staats mit der Religion, von der Durchdringung dieser beiden wichtigsten Kreise der Gesellschaft nicht los. Wohlan, gehen wir zur Lehrmeisterin der Menschheit, kehren wir zum Mosaismus, zu dieser Urquelle des Lichts, welche Heil und Segen der Menschheit gebracht, einmal zurück, hören wir auf seine Stimme, vernehmen wir seine Worte! Er wird uns Ausschluß über Staat und Kirche geben. Wir wollen das Wesen der Theokratie kennen lernen, um sie als Rathgeberin und Wegweiserin für die moderne, an einem jähen Abhange stehende, in voller Aufregung begriffene Menschheit zu benutzen. ll. Theokratie, Gottesherrschaft, der seit Flavius Josephus in der Streitschrift gegen den Grammatiker Apion (II, 16) gegenüber der monar^ chischen, oligarchischen und demokratischen Regierungsform anderer Völker übliche und bezeichnende Ausdruck des Eigenthümlichen und Charakteristischen des religiös-staatlichen Lebens und der religiös-staatlichen Verfassung bei dem Volke der Hebräer. Theokratie war bei allen alten Völkern die erste und älteste Verfassung (vgl. Heeren, Ideen über die Politik u. s. w. der vornehmsten Völker der Alten Welt, I, 430; II, 430, Beilage 4), in der Heiligen Schrift aber, in dem durch Moses von Gott geoffenbarten und an das Volk Israel verkündeten, bei diesem in Vollzug gesetzten Gesetze, erreichte ne ihre höchste Stufe und Vollendung und unterscheidet sich in der hier erlangten Ausbildung wesentlich von allen heidnischen Theokratien. Das jener Eigenthümliche besteht im allgemeinen darin, daß die religiöse und politische Sphäre des Lebens

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