Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1865)
- Date
- 1865-05-01
- Page
- Seite 164 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Jllustr. Mo.natsh. für die gef. irgendeines bürgerlichen Amtes noch irgendeine executive Gewalt anweisen, so wie bei allen verwickelten Fragen über die Religionslehren nur die Sachkenntniß, aber kein Stand in Anspruch genommen werden sollte, so wie ferner jedes Mitglied des religiösen Verbandes in den wichtigsten Lebensmomenten des geistlichen Beistandes nicht bedarf: so war auch der Priester niemals der Mittler zwischen den Israeliten und seinem Gotte. War und ist ein besonderer Gnadenact vom Himmel zu erflehen, so vertraut das Judenthum und seine Bekenner den frommen, gottesfürchtigen, sich persönlich zu Vertretern eignenden Männern. Ein mächtiges Bollwerk gegen die sich etwa doch geltend machende Monarchie war die eben von Samuel gegründete Prophetenschule. Die Propheten wurden die Vertreter des geistigen Elements, des religiösen Lebens und theokratischen Strebens, sie waren die Familien-, Regierungs- und Gewissensräthe der Könige, sie waren die Lenker und Leiter der Volksstimmung und Volksbewegung, sie waren die Träger und die Organe der Öffentlichkeit; weit entfernt, sich eine hierarchische Suprematie zu vindiciren, wollten sie immer nur rathen, berathen, heilsame und gottgefällige Wegweiser sein, aber nie entscheiden, nie befehlen. Die Priester mußten nun auch ihrerseits, als ihnen das Prophetenthum als Vertreter des geistigen Elements gegenüberstand, nach persönlicher Eignung und Vorzüglichkeit ringen und nach Erreichung einer höhern Stufe des Bewußtseins streben, da Stand, Herkunft, Kaste, Ornat und äußerer Glanz nimmer einen Nimbus um sie verbreitet hätten, und jede Scheinostentation vor den Propheten erbleichen mußte. Die Vereinigung der Priester- und Prophetenwürde bei einem Jirmia und einem Ezechiel war der schönste Erfolg des Prophetenstandes. Der königliche Psalmsänger David, jener geistvolle Fürst, welcher die tiefgesunkene Nation wieder erhob, sie aus ihrem Verfall wiederherstellte durch weise Anstalten, sie durch Siege über die benachbarten Völker Asiens wieder achtbar machte und mit seinem Ruhm die nachfolgenden Jahrhunderte überstrahlte; David, der so groß war, weil er die Kunst, zu regieren, verstand, weil er, selbst durchdrungen von Ehrfurcht und Liebe für das Göttliche, die Religion zur Leiterin seines Sinnes in öffentlichen Geschäften, und den Staat zu einer Frucht der Religiosität machte: David hat nicht Priester, sondern Propheten als Gewissensräthe und Gesinnungslenker gewählt; ihnen unterwarf er seine Persönlichkeit, während er den Berus der Priester nur durch erhöhte Feierlichkeit im Gottesdienste stärkte und erweiterte. Daß die Propheten ihre theokratische Mission nicht zu selbstsüchtigen Zwecken ausbeuteten und durch Augendienerei sich bei den Machthabern nicht einzuschmeicheln suchten, zeigt die Entschiedenheit, mit welcher sie vor die Throne traten und die Sünden der Fürsten mit ihren Donnerworten geiselten. Gegen den König David trat Nathan mit der Interessen des Judenthums. strengsten Rüge auf und hielt ihm sein Verbrechen vor. So wurde Jehoschafat wegen seines engen Anschlusses an den wüthendsten Verfolger der Propheten Gottes im Reiche Israel strenge gerügt, und dessen Vater Assa hat sogar den Propheten Chanani seine pflichtschuldige Ermahnung im Kerker büßen lassen. So wurde Jesaias von Chiskia hintangesetzt, welcher den folgenschweren Misgriff beging, sich an Babel anzuschließen, und Jesaias scheute sich nicht, seine heftigen Reden gegen diese krankhafte Politik zu richten; Mchaja und Jirmia ertrugen gleichgültig die ihnen zugefügten Mißhandlungen, und der priesterliche Prophet Secharja erlitt für die Erfüllung seiner Gewissenspflicht den Märthrertod. Nein, auch den Propheten lag nichts ferner als ein hierarchisches Walten Zur Zeit des zweiten Tempels, als die Juden ohne eigentliche Selbständigkeit unter der Herrschaft der Perser, der Aeghpter und Syrer standen, gewann der Hohepriester, der einzige mit einem heiligen Nimbus umgebene Beamte, ein solches Ansehen, eine solche Suprematie, daß er allerdings die bürgerliche Obmacht mit der priesterlichen Gewalt verband, daß er Hierarch war und die Priesterherrschast zur Geltung brachte; allein es traten die Soserim an die Stelle der vom Schauplatz abgetretenen Propheten, welche nach persönlicher Eignung die Lehre, das Wissen, den Geist des Judenthums pflegten und im Volke verbreiteten und die Priester in die Schranken ihrer Tempelsunctionen wiesen. Aus den Soferim gingen die Rabbinen, die Pharisäer hervor, welche das vorgedrungene Priesterthum aus dem Vordergründe drängten. Drei Kronen, lehrten sie, gibt es: die Krone der Thora, die Krone des Priesterthums und die Krone der weltlichen Herrschaft; aber zu allen drei Kronen muß die persönliche Eignung, die Krone des guten Namens sich gesellen, ein Spruch, der sich auch im zweiten Makkabäerbuche findet: Ist ja allen gegeben das Reich: das Königthum, die Priesterschaft und die Heiligung. Auch die Hasmonäer stiegen auf den Thron und den Altar, sie wurden Fürsten und Hohepriester, aber doch nur vermittels persönlicher Eignung und Verdiensten, beschränkt durch ein Synedrium, und als sie aus den Gleisen traten, verloren sie bald beides, Thron und Altar. Damals erhob sich die Reaction gegen die Priester selbst bezüglich ihres functionellen Berufes. Das ganze Volk, sagt Geiger (I. Z. 8,3. Jahrg., S. 13), sollte nach dem Sinne der Pharisäer als ein heiliges und priesterliches erscheinen; wohl gab es besondere priesterliche Functionen und Vorschriften, die nicht angetastet werden konnten, doch sollte das ganze Volk zur Heiligung , zu einem Abbild der priesterlichen Heiligkeit sich erheben. So schuf man Erschwerungen für das ganze Volk, Einrichtungen, welche es den Priestern so viel wie möglich annähern sollten. War Reinheit und Unreinheit Vorschrift für die Priester, so sollte das ganze Volk sie mit Sorgsamkeit beobachten;