Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1865)
- Date
- 1865-05-01
- Page
- Seite 163 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Kirche nach den Lehren des Judenthums. 163 zu retten im Stande ist. Der Staat sott das 8UUM eni^us, soll Recht und Gerechtigkeit schützen; das verträgt sich aber recht gut mit Aristokratie, mit Plutokratie, mit Hierarchie, mit dem Vorzüge des Adels und der Geburt, mit der Ausschließung des Fremden, mit Glaubenseinheit! Einem jeden das Seinige! Der Reiche bleibe reich und der Arme bettle, wohl ihm, wenn er etwas erbettelt! Wo nicht, so mag er verhungern. Der Reiche ruhe auf seinen Eiderdunen behaglich aus, er ist Besitzer großer Guter und Ländereien, und der Arbeiter keuche rast- und ruhelos, bis er verathmet und aushaucht. Und die Religion? O! auch sie klagt über Gleichgültigkeit gegen alles, was Religion heißt; da, wo die Religion nicht mit dem ganzen socialen Leben verwebt und verschmolzen ist, wird der Glaubenseifer verabscheut, für Unklugheit gehalten, als nicht verträglich mit Weisheit und Aufklärung erachtet, da rechnet man es zum Ruhme, des Glaubenseisers zu spotten, über die Priesterschast und ihren Berus zu scherzen, die Diener des Altars für Diener ehrwürdiger Vorurtheile, für gutmüthige, unwissende Schwärmer oder schlaue Heuchler, und die Religion für einen zum Vortheit der Priester erfundenen Glauben finsterer Zeitalter zu halten. Da nun das sociale Leben rathlos und die Religion thatlos ist, wenn sie sich nicht verbinden, so wollen wir bei der Urquelle der Offenbarung uns Raths erholen, wollen bei dem Mosaismus, der die Theokratie constituirte, anfragen, wie sich Staat und Religion zum Heile und Glücke des Menschen verschwistern lassen. Theokratie! Vor diesem Worte schaudert der Leser zurück, diese angebliche Heilanstalt ist ja die Quelle aller Hierarchie! Das Judenthum soll der Gesellschaft den Weg des socialen Lebens vorzeichnen? Aber sein Bekenntniß ist ja gerade mit dem hierarchischen Element so verschmolzen, daß es sich mit der modernen Civilisation am wenigsten verträgt! Und dennoch hat gerade in der mosaischen Theokratie die Hierarchie keinen Boden, und dennoch liegt in der Theokratie nichts weniger als die Verfassung der Hierarchie; in ihr haben die Religionsweiser gar nichts mit der Staatsgewalt gemein; sie ist von den Priestern nicht abhängig und entbehrt nach der mosaischen Lehre jeder politischen Suprematie. Der Mosaismus hat absichtlich in seiner ersten Begründung und Constituirung den geistlichen Arm, die religiöse Gewalt von der weltlichen Macht scharf getrennt und abgesondert, um die Idee der Hierarchie nicht aufkommen zu lassen, nach welcher die Vertreter des religiösen Elements auch die politische Gewalt handhaben und bekleiden wollen. Auch ist das Judenthum so geartet, daß das Priesterthum durch einen functionellen Beruf die Herzen der Bekenner des Mosaismus leiten und beherrschen könnte. Indem der Jude ins Leben treten, der Glaubensgemeinde angehören, aus dem Leben scheiden und in den Ehestand ohne priesterliche Weihe Eintreten kann, konnte auch jene Hierarchie der Praxis nicht platzgreifen, wodurch die Träger der göttlichen Lehre die Gemüther beeinflussen, den Willen der Gottesgemeinde beherrschen und dadurch alle Anliegenheiten des Gemeinwesens nach priesterlichen Zwecken lenken und leiten. Die von Moses eingesetzte Priesterkaste erhielt nur das Monopol der cultuellen Function, an welcher sich ein Israelit, der einem andern Stamme angehörte, nicht betheiligen durfte; aber für die Lehre, für das Wissen, für den Glauben waren sie nicht die Geweihten. Jeder einzelne Israelit wurde dazu berufen, sich das göttliche Wort zu eigen zu machen, die göttliche Lehre zu besitzen; das ganze Volk wurde als Priesterreich erwählt,!es hatte die Thora überkommen, um sie in Geist und Herz, in Gedanken, Wort und That sestzuhalten und zu bethätigen; der Priesterstamm des Priester Volkes sollte ebenfalls geeignet sein, Träger und Vermittler der religiösen Weisungen und Anordnungen und eine bedeutsame Stütze des religiösen theokratischen Levens zu sein. Aber, wenden die Freunde der Hierarchie, welche sie im Boden der Theokratie wurzeln lassen, ein, hat Samuel nicht dem Volke Vorwürfe darüber gemacht, als es sich von der geistlichen Herrschast lossagen und einen weltlichen Regenten haben wollte? Warf er ihm nicht Undank vor? Fühlte er sich nicht verletzt und gekränkt? Allein man vergißt, daß ja die eventuelle Monarchie im Pentateuch dem Volke freigestellt, ja sogar vorhinein als unausbleibliche Phase der vollkommenern Volksentwickelung ausgesprochen wurde. Die bezügliche Pentateuch - stelle aber, als eine zu den Zeiten Samuel's, der dem Volke einen König gab, in den Pentateuch hineingeschobene Stelle zu erklären, verträgt sich nicht nur nicht mit dem Glauben, sondern auch nicht mit der gesunden Bibelkritik; man vergißt ferner, daß Samuel wol anfangs bei dem drängenden Wunsche nach einem Könige einen Abfall von Gott witterte, dann aber, als er seine pflichtgemäßen Ermahnungen fruchtlos an das Volk gerichtet hatte, die geheiligte Majestät, den Gesalbten Gottes mit allem Rimbus der Autorität um geben und das theokratische Princip für die nunmehr zeitgemäß eingetretene Monarchie als kräftige Stütze wissen wollte, und in der That blieb bei allen Jrrthümern und unsinnigen Kundgebungen, wodurch Saul seinen Thron schändete, die theokratische Pietät für den Gottesgesatbten sein kräftiger Schild, seine Schutzwehr. Die Hierarchie Samuel's, welche er sich durch seine eminente Persönlichkeit, durch die hervorragenden Eigenschaften des Verstandes und des Herzens erworben, war also nur temporär, war nur ein Uebergangszustand von der demokratischen Verfassung zur monarchischen, ein Auskunstsmittel bei der Ver faffungsfrage der beiden Extreme; sie machte es eben anschaulich, daß sie nicht von Halt und Dauer sein könne. So wie die Institutionen des Mosaismus den Vertretern des religiösen Elements weder die Handhabung