Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1865)
- Date
- 1865-05-01
- Page
- Seite 138 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Strömung eine Viertelstunde, um au das jenseitige Ufer zu gelangen. Sie kam aber noch viel zu früh, denn wie eilig auch der Wanderer da drüben vom waldberänderten Fuße jenes pyramidenartigen Berges dem Ufer zufchritt, er hätte im gestreckten Laufe mit einem Pferde um die Wette rennen müssen, um in der kurzen Zeit einer Viertelstunde das ganze Thalgebiet durchschreiten zu können. Rosarka maß zuerst die Entfernung und nachdem sie sich — auf welche Weise, ist uns nicht bekannt geworden — überzeugt hatte, daß es wirklich ihr Geliebter war, der des Weges daherkam, zog sie, so gut sie es konnte, den Kahn auf den Sand und machte sich nunmehr auf den Weg, der an dem Kirchlein in Robetz vorbei gegen Zebus hinführt. Einige Minuten später lagen die Liebenden einander in den Armen. „Dein ernster Blick verkündet mir nicht viel Gutes ", sagte Rosarka, nachdem die erste Begrüßung vorbei war. „Was hast du denn mit deiner Mutter beschlossen?" „Ich getraue mich kaum, es dir zu sagen", entgegnete Joseph zaghaft. „Du weißt, mein geliebtes Mädchen, daß ich dir jedes Opfer bringen würde, nur eins nicht, nämlich den Fluch meiner Mutter auf mich zu laden. Ich habe in ihre Hand den Eid ablegen müssen, meinen Glauben nicht abzuschwören. Diesen Eid werde ich halten; sonst aber verlange von mir was du willst, ich thue alles für dich und für meine Liebe." „Aber schau', Pepik", sagte Rosarka mit mädchenhafter Klugheit, „du bist ja eigentlich gar nicht so wie die alten raudnitzer Juden. Du ißt und lebst wie einer der Unsrigen. Jst's nicht so?" „Ja, so ist es allerdings." „Und hast du denn das deiner Mutter verheimlicht, daß du die Gesetze der alten Juden nicht so streng beobachtest?" „Keineswegs." „Wenn also deine Mutter weiß, daß du mich liebst, wenn sie ferner weiß, daß dein Gewissen gar nicht dabei leidet, wenn du mir zu Liebe deinen Glauben ablegst, der für dich doch eigentlich kein rechter Glaube ist. . ." „O! darin irrst du dich", unterbrach sie Joseph, indem er zärtlich seinen Arm um ihre Schulter schlang und langsamen Schrittes neben ihr herging; „darin irrst du ganz entschieden. Ich glaube allerdings nicht, daß alles;, was die jüdischeil Gelehrteil in alten und ältesten Zeiten zum Gesetze Gottes hinzuthaten, wirklich nnd wahrhaftig auch Gottes Gesetz sei. Und da ich selbst nicht gescheit genug bin, zu untersuchen und zu unterscheiden was wahr und echt, was unwahr und unecht ist, so folge ich darin dem Urtheil anderer gebildeter Menscheil. Der größte Theil der Juden, die ihre Gelehrsamkeit aus andern Büchern schöpften als aus dem Talmud, thut wie ich und verschmäht es nicht, mit dem Christeil aus einer Schüssel zu essen, wenn sie nur sauber ist. Was der jüdische Doctor und der Schullehrer thut, kann ich auch thuu, ohne meiner Pflicht untreu zu werden, und — ich kann es dir wol sagen — voll hundert Juden leben neunzig wie ich. Aber Juden bleiben wir deshalb doch. Wir glauben nicht, daß es eine Todsünde sei, Schweinefleisch zu essen; wir glauben auch nicht, daß es Gott verleugnen heißt, am Sonntag von der Arbeit zu ruhen, wenn man es am Sabbat nicht kann; aber wir glauben, daß es ein Verbrechen ist, etwas abzuschwören, an das man glaubt, uild etwas zu beschwören, an das man nicht glaubt. Und so wie ich denkt auch meine Mutter. Und nun frage ich dich, meine geliebte Rosarka, wärest du wol im Stande, mir zu Liebe zum Judenthum überzutreten?" „Ja", sagte Rosarka nach kurzem Bedenken. „Ich würde zu meinem Gott beten, so wie ich jetzt bete, und was weiß ich davon, ob die Juden oder Christen recht haben: beten muß man, daß weiß ich. Und da ich dich so aufrichtig und von ganzem Herzen liebe, so läge mir am Ende auch gar nichts daran, wenn die Menschen mich darüber verspotteten, daß ich eine Jüdin geworden bin. Im Herzen bliebe ich doch eine Christin. Und