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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-05-01 · Heft 2 (Mai 1865) · p. Seite 132

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 2 (Mai 1865)
Date
1865-05-01
Page
Seite 132 (sequence 28)
Language
German
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132 Jllustr. Monatsh. für die ges. Der Narr setzte, wie gewöhnlich, bei den letzten Worten das volle Glas an den Mund; aber kein Beifallszeichen ertönte, stumm ist die ganze Gesellschaft worden, die eben noch vorher in einem Meere von Heiterkeit zu schwimmen schien, und nur ein leises Flüstern deutete an, daß etwas Besonderes vorgefallen sei. „Der Drab ist draußen", sagte endlich einer der Anwesenden, „und will den Abraham sprechen; er hat eine Post an ihn." „Wie?" tönte es entgegen, „der Drab? jetzt, so spät bei Nacht? und hier? Hat man nicht einmal mehr auf einer Chassene Ruh'? Auch die müssen sie uns verstören! Sagt dem Drab, er ist schon nach Hause gegangen, er schläft schon. Der Drab kann morgen kommen, er wird ihm die Post noch morgen ausrichten können, und gar so wichtig wird es doch nicht sein." Da trat aber Abraham vor, der bisjetzt geschwiegen hatte, und sprach: Bleibt beisammen und laßt euch nicht stören; ich werde hinausgehen und hören, was er will." „Nein, nein!" schrien hundert Stimmen, „noch eher lassen wir ihn hereinkommen und hören es alle; denn wenn deine Freude gestört ist, so können auch wir ja weiter nicht lustig sein." Der Amtsdiener wurde hereingerufen. Man schenkte ihm ein Glas Wein ein, als ob man dadurch hätte seine Botschaft in eine tröstliche verwandeln können; denn das wußte man ja, wenn der Drab nach Mitternacht jemand aufsuchte, so hat er ihm gerade keine Komplimente vom Herrn Syndikus zu überbringen. Der Amtsdiener trank vor allem den Wein, dann sagte er zu Abraham: „Die Sache ist heute vom Gubernium herabgelangt: Sic haben den Proceß verloren. Morgen werde ich Ihnen die Zustellung bringen." Diese Nachricht machte einen Eindruck auf die Gesellschaft wie ein Donnerschlag bei völlig blauem Himmel. Man trennte sich, ging nach Hause. Abraham verbrachte den Rest der Nacht auf seinem Lager schlaflos und unruhig. Endlich kam der Morgen heran. Aber der ganze Vormittag verstrich, ehe die Zustellung ins Haus kam. Er Interessen des Judenthums. verzehrte sich in Ungeduld, denn er wollte nicht zum Advocaten gehen, ehe er das Schriftstück gelesen. Endlich kam der Drab und brachte die Schrift. Wie erstaunte aber der traurige Leser des Schriftstückes, als er sah, daß er den Proceß gewonnen habe. „Wegen Verjährung hieß es darin, „wird von der Erlegung einer Geldstrafe von fünfundvierzig Reichsthalern abgelassen." „Wegen Verjährung!" dies war das Einzige, was er sprach, nachdem er zu Ende gelesen hatte. Abraham inachte sich sogleich auf, ging zum Advocaten und überreichte ihm die Entscheidung der Landesstelle. Nachdem dieser zu Ende gelesen hatte, blickten sich beide Männer lange schweigend an. „Wegen Verjährung!" unterbrach endlich der Advocat das Schweigen. „Hätten wir diesen Grund früher geltend gemacht, der Proceß wäre gar nicht so weit gekommen; er wäre in erster Instanz gewonnen gewesen. Es ist ein ausdrücklicher Paragraph." „Wie kommt es", fragte Abraham, „daß Sie sich diesen Paragraphen so lange aufgehoben haben?" „Lieber Freund!" entgegnete der Nechtsgelehrte, und eine Tchräne zeigte sich in seinem Auge, „ich habe Ihren Proceß nicht mit dem Kopfe, sondern mit dem Herzen, nicht als Advocat, sondern als Mensch geführt. Ich habe anstatt der einfachsten, schlagendsten juristischen Kunstgriffe begeisterte Reden über Menschenwerth und angeborene Menschenrechte verfaßt. Diese fanden kein Gehör; der Paragraph der Verjährung hat Ihnen mehr geholfen. Dieser Paragraph fiel mir aber gar nicht ein; ich habe ihn auch nicht hineingeschrieben; es hat dies mein Schreiber gethan, welcher die Angelegenheit mit etwas mehr Nüchternheit auffaßte und beurtheilte." „Und Sie meinen, Herr Advocat", versetzte Abraham, „daß ich mir nun einbilde, den Proceß gewonnen zu haben? Was Hab' ich gewonnen? Ich brauch' das Geld nicht zu bezahlen, weil die ganze Sache verjährt ist. Und wenn sie nicht verjährt wär'? Ist dadurch die Schmach, die ich meine, abgewälzt?

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