Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1865)
- Date
- 1865-05-01
- Page
- Seite 131 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein gewonnener Proceß. 131 der Getroffene etwa empfindlich genug war, etwas übel zu nehmen. Mit der genannten Devise: „Am Purim und bei einer Chassene ist alles frei", hatte man einen Freibrief gegen jede Art von Griesgrämigkeit und Sauertöpfigkeit, welche es sich beifallen lassen wollte, aus der allgemeinen Sitte heraustretend, die gemeinschaftliche Unterhaltung stören zu wollen. Der Anfang wurde gewöhnlich mit einem Trinkfpruch gemacht. Also geschah es auch hier. Der Narr hob ein Glas Wein in die Höhe und sang: Guter, rother Wein, In mein' Magen hinein! Du hast mich oft bis Mitternacht Um den lieben Schlaf gebracht. Das soll deine Strafe sein: Marsch mit dir ins Loch hinein. Hierbei stürzte er das Glas so gegen den Mund, daß er es wol his zur Nagelprobe leerte. Ein anderes volles wurde ihm sogleich gereicht, und der Geber begleitete die Gabe mit der Frage: „Sag' mir, Narr, ist es denn für den Wein auch eine Strafe, daß er ins Loch hinein muß?" „Was denn?" fragteder Narr zurück; „soll der Wein vielleicht, wie unser Abraham, zur Strafe von sünfundvierzig Reichsthalern verurtheilt werden?" Hiermit war das Thema angeschlagen; der in Schwebe befindliche ^Proceß Abraham's bot dem Narren einen reichen und willkommenen Stoff für seine Laune und Muuterheit. Da seine Gegenfrage mit beifälligem Lachen selbst von seiten des Betroffenen ausgenommen wurde, so schien er sich nur desto fester an den Gegenstand anzuklammern; er nahm das ihm dargebotene volle Glas zur Hand und sang wieder: Guter, rother Wem In mein' Magen hinein! Als der Jude Abraham Auf das Magistrathaus kam. War er ängstlich ganz und bleich. Weil er fürchtet, daß er gleich Kriegte fünfundzwanzig. Aber der Herr Syndikus Faßt' den hochwohlweisen Schluß, Und aus lauter Sparsamkeit Urtheilt er: die Christenmaid Kostet fünfundvierzig. Dieses Urtheil zeigt genau. Wie es machen soll die Frau: Fünfundzwanzig ich erspar'. Fünfundvierzig krieg' ich gar. Machen scheint mir siebzig! Guter, rother Wein In mein' Magen hinein! Hierbei trank er wieder sein Glas leer, und nicht lange ließ der nächste Becher auf sich warten; denn das wußte man, wenn der Narr singen und reimen soll, so muß er auch immer zu trinken haben. Nun wurden allerhand Bemerkungen laut, wie: Ein sparsamer Mensch, unser Syndikus; ein feiner Oekonom; meine Frau könnte sich an ihm ein Beispiel nehmen, u. s. w. Die Freiheit der Rede war in solchen Momenten sehr leicht erklärlich. Der Wein regte die Gemüther auf, sie waren untereinander und unbelauscht, und so entlockte ihnen Humor und Wein so manches Wort, welches sie im nüchternen Zustande zu sprechen niemals gewagt hätten. Der Beifall stachelte aber den Narren immer nur mehr aus, und er heftete sich mit Hartnäckigkeit an den einmal aufgegriffenen Stoff. Wieder ergriff er das volle Glas und sang: Guter, rother Wein In mein' Magen hinein! Das Urtheil aber war zu schwer. Dem Abraham gefiel's nicht sehr; Drum ging er hin zum Advocat Und holte sich bei diesem Rath, Sie thäten recurriren. Nun gehn die Schriften allesammt Ins Kreisamt und ins Sberamt, Und gehen wieder ringsherum Vom Kreisamt ins Gubernium, Allwo sie annoch liegen. Nun ward vertheuert das Papier, Und Tint' ist kaum zu haben schier, Und wer braucht einen Gänsekiel, Der hat verthan des Lebens Ziel, Er wird ihn nicht bekommen. Wir sitzen hier beim fetten Schmaus, Die Acten ruhn indeß sich aus. Daraus folgt doch gewiß der Schluß, Daß man mit einem Syndikus Nicht soll Processe führen. Viel besser bin doch ich daran. Ich bin ein immer lust'ger Mann, Bei jeder edlen Narrenthei Ist doch der Schalksnarr auch dabei Und kann behaglich singen: Guter, rother Wein In mein' Magen hinein!