Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1865)
- Date
- 1865-05-01
- Page
- Seite 125 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Flavins Josephus. 125 sich ein Fremder nicht so historisch treu sein kann wie ein Einheimischer, so verliert er das ganze Zutrauen, wenn er einer feindlichen Nation angehört und 'also den Stempel der Parteilichkeit an sich trägt. Josephus als vornehmer Mann, welcher mit Großen umging, ihren Charakter und ihre geheimen Verhältnisse kannte, den Parteienkampf und die Jntriguen, die Plane und Leidenschaften der Stimmführer und .Tonangeber von nahem sah, hatte wenig Schwierigkeiten, den eigentlichen Gang und die eigentlichen Triebfedern zu kennen; er konnte die Werkzeuge und die bewegenden Kräfte genau beobachten, denn er saß nicht als Gelehrter in einer Studierstube, von welcher aus er die Welthändel beobachtete und das verborgene Spiel der Interessen, von denen sie geleitet werden, zu verstehen suchte. Er hatte selbst die Hand mit im Spiele, wohnte den Verhandlungen selbst bei, gab seine eigene Stimme, befahl und leitete selbst; ein solcher lebendiger Theilnehmer erfährt oft Dinge, die dem außer Wirkungskreis gesetzten Manne nichts in der Welt zu ersetzen vermag. Nun konnte zwar Josephus nicht überall sein, er war nicht allgegenwärtig, der Schauplatz der ihm angewiesenen Wirksamkeit war beschränkt; dafür war er auch kein Pinsel, der alles glaubt und treuherzig jedes Märchen nacherzählt, das ihm ein anderer Pinsel oder Schalk aufgebunden hat; er war ein Mann von Talent und Geistesbildung, der das Wahre vom Schein und der Lüge leicht unterscheidet, überall zuerst prüft und wägt, und dann erst ausspricht. Ist Josephus diesem seinem kritischen Programme treu geblieben? Er hat das Unglück, nach zwei entgegengesetzten Seiten hin in Verdacht gerathen zu sein. Schon in seinen Zeiten schrieb Justus von Liberias eine Geschichte von Moses bis auf den letzten König Aprippa, worin er Josephus als Römerfeind anzuschwürzen und zugleich dessen angebliche Abkunft von der hasmonäischen Familie Lügen zu strafen sich bemühte (Vs vita, 1, 65). Die Geschichtschreiber der neuern Zeit nennen ihn einen Römerling, einen Egoisten und Selbstsüchtling, einen Parteigänger, der unter dem befangenden Einflüsse des Kaiserhauses stand. Nun, gegen die Ankläger seiner Zeit konnte sich der lebende Geschichtschreiber rechtfertigen und sie widerlegen: er führte einen lebhaften Federkrieg und schrieb seine Selbstbiographie; aber der Todte kann seine angetastete Unsterblichkeit nicht retten, kann seine Ankläger nicht zum Schweigen bringen; dafür müssen andere, muß die Nachwelt eine Lanze für ihn einlegen. Glücklicherweise ist diese Panegyrik gar nicht schwer, denn es liegt nichts vor, was iyn zum unverlüssigen, bestochenen, parteiischen Geschichtschreiber stempeln sollte. Ein Mann, der die Feder mit den begeisterten Worten ergreift, um die Ehre seines Volkes zu retten, ein Priester, Pharisäer und Orthodoxer, der von Liebe zu seinem Volke durchdrungen war, wird kein Buch im Dienste der Heuchelei und Parteilichkeit schreiben. Daß er den wichtigsten Posten im Kampfe gegen die Römer erhielt, macht seinem Charakter nur Ehre, zeigt, welches Vertrauen man in ihn setzte. Zwar nannten seine jüdischen Zeitgenossen ihn einen Verräther oder einen Feigling, aber so nannten ihn die Zeloten, so nannten sie ihn, als sich die Kunde verbreitete, daß er sich im römischen Lager befände und von dem Feldherrn mit Rücksicht behandelt werde. Vor dieser seiner veränderten Lage kam es niemand in den Sinn, ihn so zu nennen. Josephus selbst erzählt von diesen schmählichen Prädicaten, die man ihm beilegte, wie ein Mensch, der sich seiner Unschuld bewußt ist. So erzählt er selbst von seiner List, die er gegen Josua ben Saphia gebrauchte, (Vita 26— 30), von seinem Uebergange zu den Römern, nachdem er es mehreremal betonte, daß er überzeugt war, es sei gegen die Römer nichts auszurichten. Das einzige, was ihm den Kranz der Unparteilichkeit entreißt, ist die häufige Lobeserhebung des bei den Juden als Tyrannen verschrienen Titus. Allein beide, die den Titus verdammen und die ihn loben, haben nicht recht. Bezüglich der seinem Andenken fluchenden Juden sagt ein Schriftsteller (im Jahre