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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 97

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 97 (sequence 105)
Language
German
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Zur Tagesgeschichte. 97 Hinweisen, welchen Bedrückungen in so vielen Ländern die Katholiken unterworfen seien. Ersterer erwähnt, daß auch in Holland in öffentlichen Spitälern Juden zum Uebertritt „gezwungen" wurden. Hr. van Meemstra erinnert, daß er selbst schon oft einer zu großen Begünstigung der Katholiken beschuldigt wurde, und daß die Gleichberechtigung aller Religionen sein Princip sei. Er spricht zum Schlüsse sein Befremden aus, daß der israelitische Deputirte Hr. Godefroi an dieser Discussion nicht theilnimmr. Dieser besteigt nun die Rednerbuhne. „Herr Präsident", spricht er, „nur ungern nehme ich an dieser Discussion theil. Aber inan nöthigt mich dazu. Man hat Thatsachen vorgebracht, zu denen man mein Zeugniß verlangt. Man hat sich über mein Stillschweigen gewundert. Ich bin also genöthigt, es zu brechen." Er spricht nun sein Befremden aus, daß Hr. von Bieberstein Thatsachen berichtet, die ihm völlig fremd geblieben. Wol wurde der Proselhtismns in Amsterdam öfters gegen seine Glaubensgenossen misbraucht, aber das Vorgehen in den Spitälern sei ihn: ganz unbekannt. Uebrigens besteht irr Amsterdam ein eigenes jüdisches Spital; demnach ist ein ähnlicher Vorfall auch sehr unwahrscheinlich. Er sprach schließlich seinen Dank den Deputirten aus, die irr dieser Angelegenheit ihre Stimme erhoben, äußerte aber wiederholt, daß er von dieser Debatte und den etwaigen durch sie allgeregten Schritten der Negierung kein praktisches Resultat erwarte. „Aber dennoch ist es gut," spricht er weiter, „daß das moralische Gefühl des elvilisirten Europa gegen Thatsachen protestirt, die den barbarischen Zeiten des Mittelalters angehören, aber welche im 19. Jahrhundert und in einem Staate, welcher 'Anspruch darauf macht, durch die Religion eivilisiren zu wollen, unglaublich sind." Hierauf ergriff der Minister des Auswärtigen das Wort und betonte den Unterschied zwischen dem Mortara- und Eohensalle: Tort ist ein sechsjähriges Kind seinen Aeltern entrissen worden, hier ein zehnjähriger Knabe freiwillig ins Katechnmenenhaus gegangen, um den katholischen Glauben anzunehmen. Sache der Rechtslehrer wäre es nun, zu entscheiden, ob im letzten: Falle es den Aeltern zukomme, ihr Kind zurückzuhalten. In der Mortaraangelegenheit, wo Holland in Rom protestirte, wurde es kalt zurückgewiesen, und wollte jetzt sich dieser Zurückweisung nicht nochmals anssetzen. Dies ließ er durch den Justizminister der israelitischen Deputation mittheilen, die ihm ihren Dank hierfür zu erkennen gab. Hr. van Meemstra erklärte es für reine Ironie, wenn eine Regierung die Gewissensfreiheit den Aeltern gegenüber zu vertheidigeil vorgibt, da wol niemand einem zehnjährigen Kinde die Fähigkeit zwischen zwei Religionen unterscheiden zu können, zuschreiben werde. Er nimmt schließlich seinen Antrag zurück, da er seinen Zweck, in der niederländischen Kammer einen Protest gegen die Verletzung der Religions- und Gewissensfreiheit Hitderg's Illustriere Monntsbesre. l, 1. —- April 136.'.. hervorzurufen, erreicht habe. Er dankt schließlich Hrn. Godefroi für seine „Worte voll Wärme und Entschiedenheit". Rußland. Wir bedauern, in diesem Hefte zu einem eingehenden Bericht über die gegenwärtigen Verhältnisse der Juden in Rußland nicht Raunt zu finden, und behalten uns vor, einen solchen demnächst zu liefern. Die Reformen, die Kaiser Alerander II. ins Leben rufen will, erstrecken sich auch auf die Juden und ihre Verhältnisse. Es hieß, daß die verschiedenen jüngst tagenden Adelsversammlungen in ihre Adressen auch die Bitte um Gleichstellung der Juden ausnahmen, was aber blos unbegründetes Gerücht sein soll. Der Minister des Innern, Tscherkaski, hat einen von der Commission des Innern vorberathenen Gesetzentwurf, wonach den Juden in Polen in Zukunft alle Aemter zugänglich sein sollen, dem Administrationsrathe vorgelegt. Bei der Vorberathung in der Commission hat nur der als Judenfeind bekannte Kochanski dagegen gestimmt. Amerika. Die letzten Congreßwahlen in den Vereinigten Staaten beriefen zwei Juden in den Congreß, was der Zahl jüdischer Wähler fast genau entspricht. Persoualikilchnchteil. Nekrolog. S.Munk, der neuernannte Nachfolger Renan's, hat am 1. Februar 1865 am College de France in Parts seine Vorlesungen über semitische Sprachen und Literaturen begonnen. Der mosaische Glaube Munk's war theilweise mit Veranlassung für seine Ernennung, da ihn dieser gleichsam neutral den kirchlichen Kämpfen gegenüber bleiben läßt, wenn er auch auf anderm Gebiete ein heftiger Gegner des ihm persönlich befreundeten Renan ist. Er bekämpft nämlich dessen Ansichten über den Gottesbegriff der Semiten. Seit einigen Jahren nämlich besteht in Frankreich eine neue religions-wissenschaftliche Schule, welche den dem Christenthum innewohnenden semitischen Welt- und Gottesbegriff (eine natürliche Folge seiner jüdischen Abstammung) der indogermanischen Welt entfremden und sie zu den ihr ursprünglichen eigenen jap hektischen Welt- und Gottesbegriffen zurückführen will. Die „Geschichte der Entstehung des Ehristenthums" von Renan (deren erster Theil das „Leben Jesu" ist), Alfred Maury's „Geschichte der alten Magier" und Burnous's „Versuch über die Veda" gehören dieser wissenschaftlichen Richtung an, an die sich auch, in anderer Form, Anklänge in Bunsen's Bibelwerk finden. Der Lehrstuhl Renan's wurde, wie bekannt, früher dem gleichfalls hervorragenden jüdischen Gelehrten Oppert angetragen, der es aber während seines Aufenthalts in Eompiegne zu veranstalten wußte,

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