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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 94

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 94 (sequence 102)
Language
German
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94 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. „schützen", werden von der von dem Geiste des Constitutionalismus beseelten Regierung in der Praxis nicht beachtet; Graz und Linz besitzen schon jüdische Gemeinden. In Tirol allein gelingt es noch ultramontanen Machinationen, die Ansiedelung von Nichtkatholiken zu erschweren. Die päpstliche Encyklica, deren Verkündigung von seiten der Geistlichkeit zu gestatten die Regierung durch das Concordat sich bemüßigt erklärte, blieb ohne Einfluß auf die Stellung der Juden. Im Reichsrath brachten Mühlfeld und Genossen den Gesetzentwurf ein: „In Ergänzung des Art. 10 der Verfassung werden insbesondere Angelegenheiten, welche sich auf das Verhältniß des Staats zu den bestehenden Kirchen und Religionsgesellschaften beziehen, als Angelegenheiten des Gesammtreichsrathes erklärt." Der Ausgang einer gerichtlichen Verhandlung gegen ein wiener ultramontanes Blatt, welches sich Blasphemien gegen die jüdische Religion erlaubte, wird mit Spannung erwartet. Die Verhandlungen über die Errichtung eines jüdischen Seminars in Ungarn scheinen durch verwerfliche Parteiumtriebe nicht zun: erwünschten Ziele zu führen. In der Sitzung des Finanzausschusses des Abgeordnetenhauses vom 9. Febr. äußerte der Abgeordnete Winterstein, er wolle nur in aller Bescheidenheit bemerken, daß für den katholischen Cultus die Unterstützung aus dem Religionsfonds sehr bedeutend sei, und daß auch die Protestanten subventionirt würden, während die Synagoge keinerlei Unterstützung vom Staate erhalte. Staatsminister Hr. von Schmerling erwiderte, der israelitische Cultus hätte noch keine Unterstützung verlangt, die ihm jedoch, wenn er eine solche beanspruchen sollte, nicht verweigert würde, denn er seinerseits halte den Staat für verpflichtet, jeden Cultus zu unterstützen. Preußen. Die gesetzlich begründete Gleichberechtigung der Juden im größten deutschen Königreich bleibt von den jetzigen Verfassungswirren unberührt, wol aber ist sie nicht so ganz ungefährdet, da die jetzt herrschende sogenannte feudale Partei mit der klerikalen intime Beziehungen hat. Die Jugend der protestantischen Religion macht ihre eifrigen Bekenner unduldsam, und daher ihr unablässiges Streben, die den Juden gewährte Gleichberechtigung zu beseitigen. Die päpstliche Encyklica, die den Protestantismus mit gleicher Entschiedenheit verdammt wie das Judenthum, bot den Preußischen Ultramontanen lutherischen Bekenntnisses willkommenen Anlaß, ihre Zustimmung zum päpstlichen non possninrw auszudrücken, jedoch indem sie sich auf den allgemein - christlichen Standpunkt stellten und alles Nichtchristliche, besonders das Judenthum, als im Widerspruch mit der christlichen Welt darstellten und ihm die Berechtigung der Existenz in dieser absprachen. Das jetzt so beliebt gewordene Hervorkehren des „germanischen Bewußtseins" wird gleichfalls benutzt, um den „semitischen Eindringlingen" die Thüre zu Weisen. Es ist dies ein merkwürdiges Zeichen des gegenwärtigen Cultur- und Bildungsgrades in gewissen Kreisen, daß im 19. Jahrhundert der Stiftung der christlichen Religion die Bekenner des „geläuterten Christenthums" die Abstammung, die Nation ihrer Mitmenschen bei Ausübung ihrer „ christlichen Nächstenliebe" in Berechnung ziehen. Zu welchen unsinnigen Aeußerungen dieser Proselyteneifer führt, beweist ein Artikel des reactionären „Westfälischen Hausfreund", in dem es heißt: „Die Nationalität des Juden bildet den Gegensatz zum Deutschthum; der Jude ist kein. Deutscher, sondern ein Asiate, und zwar ein Semite. Der Gebrauch der deutschen Sprache macht den Juden ebenso wenig zum Deutschen, wie der Gebrauch der französischen den Neger auf Domingo zum Franzosen macht. Solange der Jude seiner Religion anhängt, bleibt er auch ein Glied der israelitischen Nation"; er^o, Herr „Westfäler", ist das Kriterium des Semitenthums die jüdische Religion! Diese Wühlereien können die berechtigte Stellung der Juden in Preußen nicht erschüttern, selbst da nicht, wo sie mit reactionären Gelüsten mächtigerer Parteien zusammenfallen. Die Juden in Preußen sind eben Preußen geworden mit Leib und Seele, die an dem geistigen Leben, an dem Ringen und Kämpfen des preußischen Volkes im Parlament, in der Presse, auf dem Schlachtfelde in hervorragender Weise theilnehmen; wo es gilt, das Recht, die Freiheit zu erkämpfen, stehen unsere Glaubensgenossen in erster Reihe; ihre Namen nennt das preußische Volk mit der Achtung, die es opsermuthigen Verteidigern seines Rechts zu zollen hat; der Handel, die Industrie, die Wissenschaft, die Kunst zählen Israeliten zu ihren tüchtigsten Vertretern; im jüngsten Feldzuge vermischten Juden, wie einst bei Belle-Alliance, aufs neue ihr „semitisches" Blut mit dem „christlich-germanischen" ihrer Kampfgenossen. Ein feierlicher Gottesdienst vereinigte jüngst eine größere Anzahl jüdischer Combattanten aus dem dänischen Feldzuge in Berlin; fast alle waren sie mit der Tapferkeitsmedaille geschmückt. Der Aufruf zum Dankgottesdienst aus Anlaß des beendigten Feldzuges erwähnte nicht der Synagogen. Baiern. In Süddeutschland ist nun allenthalben die staatliche Stellung der Juden eine günstige zu nennen; doch sind es innere Fehden zwischen den „Orthodoxen" und den „Reformern", die hier mit besonderer Schärfe zu Tage treten. Mit dem Regierungsantritte Sr. Maj. König Ludwig's II. glaubte man eine reactionäre Epoche in Baiern ünbrechen zu sehen, doch gestattete der erleuchtete Geist des jungen Monarchen der ultramontanen Partei keinen Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Die gesetzwidrige Errichtung eines Priesterseminars in Würzburg bot Anlaß zu energischem Einschreiten gegen klerikale Anmaßung. Wie sehr die klerikale Partei eine Aenderung der die Gleichberechtigung der Juden gewährenden

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