Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 92 (sequence 100)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417807--101-2417937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

92 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. zu bereden, daß sie ihrer Mutterpflicht genügen; drum brauchen sie auch keine Entschuldigung, wenn sie den hülflosen Säugling tagelang in den Händen Fremder belassen. Die Mutter, deren körperliche Zustände es nicht verstatten, das Kind selbst zu säugen, hat hier vor jenen etwas voraus: sie glaubt nämlich entschuldigt zu sein. Indessen ist und bleibt es mehr als Sorglosigkeit für das Kind, selbst wenn die Mütter es nicht einräumen wollen. Ich wiederhole noch einmal: die Mutter liebt das Kind: möchte dies doch in einem Grade der Fall sein, daß sie die Liebe des Kindes zu sich erwecken wollte! Und wie leicht müßte ihr dies werden! Die Natur verlangt von der Mutter nichts weiter, als daß sie sich mit dem Säugling recht viel beschäftige; sie selbst soll womöglich das Kind säugen, in jedem Falle sie selbst das Kind viel im Schose halten, zu ihm reden und lachen, mit ihm spielen, recht oft ihr Auge an das Auge des Kindes heften: nichts wirkt segensreicher auf die geistige Entwickelung des Säuglings als das Mutterauge, wenn die Mutter nebenbei sich noch viel mit dem Säugling beschäftigt; es ist dann, wie die Sonne im Lenze, die die schlummernden Keime der neugeborenen Erde hervorlockt und befruchtet. Was in der Behandlung des Säuglings der Mutter als Sorglosigkeit vorgeworfen werden kann, das ist bei ihr verblendete Liebe dann, wenn das Kind anfängt, wie sich die Mütter ausdrücken, „liebenswürdig" zu werden; das ist im Alter von etwa zwei Jahren. Das Kind ist größer und stärker geworden, es steht oder geht schon allein, hat die ersten Zähne bekommen und macht sich durch Winken und Schreien, durch mehr oder minder artikulirte Laute ziemlich verständlich. Die mütterliche Liebe sieht in dem kleinen Liebling einen Abgott, küßt und herzt ihn den ganzen Tag, ist blind für die Schwächen, die die Folge ihrer srühern Sorglosigkeit sind, und hat nur Augen für den großen Mann, der aus dem Käblein, oder für die große Schönheit, die aus dem Mädchen „werden" soll. Das Kind ist „ihr Leben"; die Mutter muß es wahren und pflegen wie das Wiegenkind ihrer Phantasie; schade nur, daß die Misgriffe der verblendeten Mutter auf Kosten des kindlichen Gemüths geschehen. Das Kind wird verwöhnt, und gerade in dem Alter von zwei und drei. Jahren werden sie es am meisten: Eigensinn, Bosheit, Halsstarrigkeit, das sind so alltäglich die Früchte der mütterlichen Nachsicht oder Kurzsichtigkeit; die gute Mutter findet dabei, daß das Kind schon „einen Willen hat", und freut sich. Es gibt auch günstigere Fälle: die Mutter kann sogar unwillig, ja böse werden, wenn sie oder die Umgebung von der „Liebenswürdigkeit" ihres störrischen Kleinen übermäßig belästigt wird, und keine bessere Ausflucht kann die Mutter wählen, als: „das Kind ist noch zu jung; später!" „Jetzt!" sollte man der Mutter zurufen, „jetzt oder niemals!" Wo denkt da eine Mutter an die Hinlenkung des Kindes zum Guten, wo denkt sie daran, daß das kindliche Herz ebenso zu hegen und zu Pflegen ist, als sie es mit dem Körper des Kindes thut; sie läßt sich nicht im geringsten einfallen, daß eine Erkältung, vor der sie das Kind so sorgsam wahrt, nicht übler und nachtheiliger auf das physische Wohl des Kindes einwirken kann als eine Vernachlässigung der Herzensbildung auf sein geistiges Wohl. Und was ist schuld daran? Die große, unverzeihliche Sorglosigkeit und die verblendete Liebe der Mutter. Diese beiden Kehrseiten der Mutternatur werden durch ein drittes Moment vermehrt, mit welchem ausgestattet das Weib den heiligen Tempel der Erziehung betritt. Es ist negativen Charakters und hat für das Kind positive Nachtheile und heißt Unwissenheit. „Welche Blasphemie!" höre ich die Mütter gegen mich auftreten; „wir haben die besten Schulen und Lehrer gehabt, stets in feinster Gesellschaft uns bewegt und Erfahrung gesammelt durch die mannichfachsten Erlebnisse!" Nur gemach! Euere „Kenntnisse" mache ich euch nicht streitig; ihr versteht es, in -französischer, englischer, italienischer und anderen Sprachen euere Wünsche zu äußern, ihr versteht es, Klavier zu spielen und viele andere Kunstfertigkeiten, euch gelenkig zu bewegen in Gesellschaften, Theater und Sälen, ihr habt euch Erfahrung gesammelt, Urtheile zu fällen über Romane, Musik und Gesang; doch bedenket Eins: die Zeit der Jugend oder besser der Kindheit ist sehr kurz, sie reicht kaum aus, euch zu Salondamen heranzubilden, geschweige denn nebenbei noch zu Müttern. — Lieber Freund! Mag dich diese gemächliche Unterhaltung mit den Müttern nicht verdrießen; sie ist der untrügliche Schlüssel zum Verständnih eines pädagogischen Wahrwortes, daß da heißt: „Wir müßten erzogene Kinder gebären — Wenn nur die Mütter erzogen wären." Das Unglück bei der Sache ist, daß die Mütter, kraft ihrer Autorität als solche, entweder die Methode, nach der sie selbst herangebildet worden, ehrfurchtsvoll zur Richtschnur ihrer eigenen machen, oder einen neuen Weg einschlagen, den ihnen ihre Vernunft eingibt, ein Uebelstand, der zumeist im lernfähigen Alter des Kindes seine Schattenseiten äußert. Bei der Wahl des Lehrers wird auf seine eigene Tüchtigkeit gesehen wie auf seine pädagogischen Fähigkeiten. Das darf nicht verwundern; die Mütter setzen in. ihrer eigenen „Bildung" die Fähigkeit zu erziehen als selbstverständlich voraus: jeder Zweifel gegen die pädagogische Fähigkeit dieses oder jenes Doctors oder Professors wäre eine Versündigung gegen ihre eigene Person. Worauf sehen nun die Mütter, um ihre Wahl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.