Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse und staatsrechtl. Stellung der Juden in unfern Tagen. 81 erinnern, daß die ethischen Ansichten des Christenthums, denen die Welt ihre Civilisation verdankt, dieselben sind, wie sie der Mosaismus schon in früherer Zeit gelehrt. Hat aber der Staat keine solche Verpflichtung einer bestimmten Religion gegenüber übernommen, so sehen wir nicht ein, warum jene Staatsangehörigen, die zur Erhaltung des Staates eben das beitragen, was andere, nicht dasselbe Recht des Schutzes genießen sollten — gleichen Pflichten entsprechen doch gleiche Rechte. Der zweite Einwand betrifft die Fremdartigkeit der Nationalität. Derselbe wäre richtig, wenn er nicht die Wirkung mit der Ursache verwechselte. Wer hat uns abgesondert? Wer gestattete uns nicht, die Scholle, auf der wir unsere Hütte gebaut, unser eigen nennen zu dürfen? Ein Blick auf jene Völker, bei denen die Idee der Gerechtigkeit früher Eingang gefunden, zeigt es, mit welchem Patriotismus das neugewonnene Vaterland geliebt, mit welcher Opferwilligkeit es vertheidigt wurde, mit welchem Stolze man sich den Angehörigen jenes Volkes nannte, das in seinem Gerechtigkeitsgefühle den geknechteten Juden zum Stammgenossen gemacht. Beweise dessen die französischen Kriege am Ende des vorigen Jahrhunderts, Beweise die deutschen Befreiungskämpfe in diesem Jahrhundert, wo jüdisches Blut mit französischem, mit deutschem vermischt floß! Aber nicht blos in den Stunden äußerer Gefahr streiteil Israels Söhne an der Seite ihrer christlichen Mitbürger: in den Zeiten schwerer innerer Bedrängniß halten sie mit zäher Ausdauer zu ihren wackeren Gesinnungsgenossen. Wer die innere Geschichte Deutschlands seit den dreißiger Jahren kennt, wird die Wahrheit unserer Behauptung anerkennen. Und dank diesen opfermüthigen Bemühungen der Juden für die Freiheit der Völker, unter denen sie wohnen, ist es gekommen, daß sie für ihr Streben nicht den verdienten Lohn empfingen. Nicht etwa, als ob die Streiter für Volksrechte nicht den verdienten Antheil ihren treuen Mitkämpfern ge- Hilberg's Jllustrirte Monatshefte. I, 1. — April 1^6ä.! gönnt hätten, sondern darum, weil, mit wenigen Ausnahmen, die meisten Freiheitsbestrebuugen von der wüthendsten Reaction begleitet waren, die es dann auch die Juden entgelten ließ dafür, daß sie es gewagt, für Menschenrechte einzustehen! Wenn wir auch mit aller Glut und Wärme jener Nation uns anschließen, die uns an ihrem gastlichen Herde gebildet und genährt, so vergessen wir dennoch nicht das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit unfern Brüdern. , Auch die Fremdartigkeit der Nationalität, sahen wir, ist nur ein unbegründeter Einwand. Die unedle Beschäftigung des Handelns ist der dritte Einwand; allein auch hier wird Wirkung mit Ursache verwechselt. Nicht die Juden haben daran Schuld, sondern die engherzigen Verfügungen, die den Juden zum „Juden" machten. Niemand, der Geschichte kennt, wird in Abrede stellen, daß die Juden, als sie auf heimischem Boden saßen, ein Ackerbau treibendes Volk waren. Erst im Lause der Zeiten, ferngehalten von jeder andern edlern Beschäftigung, sich geistiges Kapital durch Studien, unfähig, Grund und Boden zu erwerben, was blieb ihnen noch anderes als der Handel, der ihnen die Möglichkeit der Existenz gab? Man gestatte jedwede Concurrenz auf geistigem und materiellem Gebiete; dann ist auch ver grausamste Zwang beseitigt, der Tausende und Tausende zu Zahlenmenschen erniedrigt. Was die öffentliche Meinung anbelangt, so sind wir allzu sehr von den Ideen des Constitutionalismus durchdrungen, als daß wir ihre Berechtigung nicht anerkennen sollten. Doch wird, unserer Ansicht nach, die öffentliche Meinung des Pöbels, der, vielleicht von Intriganten allerlei Sorten dazu gehetzt, sich der vollen Gleichberechtigung widersetzt, nicht die ausschließlich maßgebende sein, und werden wohl noch andere Factoren in die Wagschale fallen. Möge nur von seiten der dazu Berufenen jenes Hetzen und Reizen beseitigt werden, der Geist der Völker wird recht bald die Eingebungen 6