Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 72 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Religion fließen aus der natürlichen Kraft der menschlichen Vernunft; daher ist die Vernunft die erste und vorzügliche Norm, wonach der Mensch die Erkenntniß aller Wahrheiten jeglicher Art sich erwerben kann und soll." 5) „Die göttliche Offenbarung ist unvollkommen und daher einem fortwährenden und unendlichen Fortschritt unterworfen, der dem Fortschreiten der menschlichen Vernunft entspricht." Diesen Jrrthum erkennt auch das Judenthum als solchen an, und wendet sich daher an die aus ihm hervorgegangenen Religionen mit den Worten: Wie, ihr glaubet an die Göttlichkeit meiner Offenbarung, wie wagt ihr es zu behaupten, daß meine Lehre unvollkommen, unvollständig, nur theilweise wahr ist, als ob Gott seine Offenbarung in Semester eingetheilt hätte! Und wer sagt euch, daß der Klassen-Offenbarungsunterricht schon zu Ende und Gott mit der Offenbarung schon fertig sei? Das Judenthum lehrt daher: Gottes Offenbarung an das dazu bestimmte israelitische Volk war und ist vollkommen und vollständig, unterscheidet aber zwischen der Idee und der Ceremonie; jene ist ewig, diese ist nach Zeit und Umständen variable. 6) „Der christliche Glaube widerstrebt der menschlichen Vernunft, und die göttliche Offenbarung nützt nicht allein nichts, sondern sie schadet auch der Vervollkommnung der Menschen." Ein solcher Jrrthum kann innerhalb des Judenthums nicht entstehen, weil jenes keine Forderungen des Glaubens aufstellt und man auch das Wort „Glauben" nur bei speciellen Verheißungen und Factis findet, sonst heißt es „du sollst erkennen." Gewisse Dogmen setzt allerdings die Heilige Schrift voraus, aber nur solche, die dem Gefühle und dem Verstände nicht widersprechen. Ob auch die Dogmen, welche die päpstliche Enchklica im Sinne hat, so beschaffen sind, dies zu behaupten oder zu bestreiten liegt jenseit unserer Aufgabe. 7) „Die in der Heiligen Schrift dargestellten und erzählten Prophezeiungen und Wunder sind Erfindungen der Dichter, und die Geheimnisse des christlichen Glaubens sind die Summe der philosophischen Forschungen; in den beiden Büchern des Testaments sind mythische Erfindungen enthalren, und Jesus Christus selbst ist eine mythische Erdichtung." Nach dem Ausspruche der Heiligen Schrift rühren die Lehren Mosis und der Propheten unmittelbar von Gott her; die Rabbiner aber lehren, daß die ganze Bibel und alles, was darin enthalten ist, unmittelbar von Gott herrühre, selbst der historische Theil und die Hagiographen sind von einem heiligen Geiste eingegeben; dagegen gibt es im Judenthume keine Geheimnisse. Was aber die Wunder betrifft, welche in der Bibel erzählt werden, so geschahen sie angesichts des ganzen Volkes, waxen möglichst frei und geschahen durch Gott selbst; nirgends wird dem Menschen eine perpetuelle Wunderkraft beigelegt; Gott schreibt momentan die Manipulation vor. tz. 2. Gemäßigter Rationalismus. 8) „Da die menschliche Vernunft der Religion selbst gleichzustellen ist, so find deswegen die theologischen Disciplinen ebenso wie die philosophischen zu behandeln." 9) „Alle Dogmen der christlichen Religion sind ohne Unterschied ein Gegenstand der natürlichen Wissenschaft oder der Philosophie, und die blos historisch gebildete menschliche Vernunft kann aus ihren eigenen natürlichen Kräften und Principien zu der wahren Erkenntniß in Betreff aller, auch der dunklern Dogmen gelangen, wenn nur diese Dogmen der Vernunft selbst gleichwie ein Object zur Prüfung vorgelegt gewesen sind." 10) „Da etwas anderes der Philosoph und etwas anderes die Philosophie ist, so hat jener das Recht und die Pflicht, sich der Autorität, welche er für die wahre erkannt hat, zu unterwerfen; aber die Philosophie kann und darf nicht sich irgendeiner Autorität unterwerfen." 11) „Die Kirche darf sich nicht allein gegen keine Philosophie wenden, sondern muß auch die Jrrthümer dieser Philosophie dulden und es ihr überlassen, daß sie sich selbst verbessere." 12) „Die Decrete des apostolischen Stuhles und der römischen Congregationen hindern den freien Fortschritt der Wissenschaft." 13) „Die Methode und die Principien, nach welchen die alten scholastischen Doctoren die Theologie ausgebildet haben, stimmen mit den Bedürfnissen unserer Zeit und dem Fortschritte der Wissenschaft nicht überein." 14) „Die Philosophie muß ohne Rücksicht auf die übernatürliche Offenbarung betrieben werden." Dem Judenthume ist der gemäßigte Nationalismus, wie er in diesen einzelnen Punkten specialisirt ist, nichts weniger als ein Jrrthum, denn das Judenthum fordert keinen Glauben, der das 1x86 clixit zur alleinigen Basis hat, wenn er auch dem Verstände und dem Gefühle widerspricht und sich jeder rationellen Prüfung entzieht; seine Lehren unterziehen sich der Verstandesprüfung, denn sie enthalten keinen blinden Glauben; die Heilige Schrift setzt den Gottesglauben voraus, weil er im Gemüthe des Menschen wurzelt, und überläßt es der Philosophie, das Dasein Gottes zu beweisen, dessen erhabene Eigenschaften auch von der Philosophie nicht bestritten werden. Von einem Mysterium im Wesen Gottes, welches die Vernunft negiren oder bezweifeln kann, weiß das Judenthum nichts. Die Heilige Schrift setzt die Offenbarung voraus und gestattet der Philosophie, diesen Supernaturalismus vernünftig oder historisch zu beweisen. Ist einem Individuum aber die Offenbarung problematisch, so hört er darum nicht aus Jude zu sein. So überläßt auch das Judenthum den ganzen Inhalt seiner Lehren der Prüfung des Verstandes und des Herzens. 5 M. 30, 11 fg.; 29, 29*). Und *) Stände das Wort Gottes mit meiner Vernunft im