Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 65 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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Monats-Revue. 65 ästhetischen Anschauung näher zu bringen, die Rabbiner, welche die jüdisch-theologische Wissenschaft auszubauen haben, die Lehrer der jüdischen Schulen, welche die Erziehung der ihnen anvertrauten Jugend im Geiste der jetzigen pädagogischen Principien und unbeschadet des gesonderten Bekenntnisses fortzuführen haben, die israelitischen Schöngeister und Dichter, welche zur Unterhaltung und Bildung eines noch immer vorhandenen großen jüdischen Leserkreises die neuhebräische Poesie und Belletristik fortspinnen, die israelitischen Forscher und Archäologen, welche in Erforschung und kritischer Auslegung der erhaltenen Schriftwerke vom Abschluß der heiligen Bücher bis auf Mendelssohn für die jüdische Cultur-, Literatur- und Socialgeschichte das Material sichten und zurechtlegen, die Historiker, welche den zerstreuten geschichtlichen Stoff mühsam zu einem Pragmatismus zu gestalten haben: alle empfinden schwer den Mangel einer Ueberschau. Die schriftstellerischen Productionen auf allen erwähnten Gebieten werden häufig unzulänglich und einseitig, weil sie zumeist ohne Kenntniß des bereits Vorhandenen erscheinen, und mancher Autor müht sich in Ermittelung und Erkenntniß einer Wahrheit ab, die längst ein Vorgänger schon zu Tage gefördert hat. Die Bibliographie allein reicht zur Beseitigung dieses Uebelstandes nicht aus, da diese nicht den Werth und den Gehalt des Vorgeführten gibt, und auch diese Monats-Revue kann, da ihr nur ein kleiner Raum zugemessen ist, nur theilweise den erwähnten Unzuträglichkeiten entgegenarbeiten. Wenn ich aber diese Monats-Revue zur Vorführung des jüdischen Schriftthums, ungeachtet des Bewußtseins der Unzulänglichkeit, dennoch eröffne, so kann es nur in dem Streben geschehen: „Lieber eine halbe Leistung als gar keine", und mit dem Trostspruch der Väter: „Es liegt dir nicht ob, das Werk zu vollenden". Die Verbreitung und Mehrung der Einsicht und Erkenntniß über die israelitische Vergangenheit, die Auferweckung eines geschichtlichen Bewußtseins in den erstarrten Geistern ist ein so gebieterisches Bedürfniß unserer Zeit, daß kein Literator sich der Mithülfe entziehen darf. Das Wissen und die Erkenntniß ist auch in Israel der Lebensthau, welcher das erstarrte Gemeindeleben zum frischen Dasein erweckt; ein Beitrag zu diesem Wissen ist nicht zu verschmähen. Es soll die hier folgende Revue allmonatlich einzelne Rubriken der jüdischen Literatur in übersichtlicher Anzeige vorführen, soweit das dazu gehörige Material hier zu beschaffen möglich sein wird, und soweit der Verfasser darin von Autoren, resp. Verlegern, durch Zusendungen unterstützt wird. Diese Rubriken dürften sein: 1) Schriften für die Synagoge, oder diejenigen Schriften, welche für den Cultus und seine Reformen erscheinen, die Ausgaben der sogenannten Siddurim, Machasorim, Chumaschim, Selichot, KinoL, die Schriften für die Hilberg's Jllustrirte Monatshefte. I, 1. — April 1365. häusliche Andacht, in Übersetzungen aus dem Hebräischen oder in deutscher Sprache u. ft w. 2) Schriften für die Schule; die Lehr- und Lesebücher, Theile der Schrift mit Glossarien, Proben aus den jüdischen Commentatoren für die Jugend, kurze Abrisse aus der jüdischen Geschichte, chronologische Tafeln, Religionslehren und Katechismen, Anleitungen zum Confirmanden-Unterrichtu. s. w. 3) Schrif - ten für die Theologie, als: die wissenschaftlichen Exegesen und Übersetzungen der heiligen Schriften, Einleitungen in dieselben, 'die Misch na und die Talmud e im Dienste der Halacha bearbeitet, die Schriften der Decisoren (Poskim) und der gutachtlichen Bescheide (Scheelot und Teschubot), die jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters in Bezug auf die Glaubenslehren, die Schriften der praktischen Theologie u. s. w. Diese drei Rubriken brauchen nur kurz in unserer Ueberschau berührt zu werden, da viele einzelne periodische Blätter sie ausführlich behandeln. Wichtiger erscheinen uns 4) die Schöngeistigen Schriften, welche bald von einem Theile der Aufgeklärten in ihrem germanischen Eifer ganz als unberechtigt verstoßen, bald so vernachlässigt werden, daß es einer Beseitigung gleichkommt. Die jüdische Belletristik, sie möge ihren Ausdruck im Zauber der neuhebrüischen Sprache oder in einem Idiom der modernen Völker finden, durfte nur so lange zaghaft und schüchtern hervorzutreten sich scheuen, als sie kein klares, überzeugendes Bewußtsein von ihrer Berechtigung gehabt, vielmehr darin einen Widerspruch mit dem Eingehen in das germanische, romanische oder slawische Leben, ein Hemmniß gegen die ersehnte völlige Emancipation gesehen hat. Aber die jüdische Belletristik ist schon durch ihre Geschichte vollkommen berechtigt, eher noch als eine alemannische oder niederdeutsche; sie hat eine fast zweitausend Jahre alte Geschichte für sich, und der jüdische Hellenist Ezekielos, welcher ein jüdisches Drama in griechischer Sprache geschrieben hat, war gewiß ebenso berechtigt, wie irgendeiner unserer schöngeistigen Schriftsteller. Die Eigentümlichkeit und das Wesen eines wahren Dichters, der tiefempfundenen Wahrheit auf den Grund zu schauen, die Erscheinungen zu idealisiren, sie in lebensvollen Gestaltungen und schöner Form vorzuführen, wird man ebenso wenig einemAbul-Hassan Juda Ha-Lewi wie dem Dichter der Nibelungen absprechen können. Ferner berühren wir kritische Beiträge, Ausgaben, Exegesen und Scholien zu den jüdischen Schriftwerken, welche als 5) Schriften für historische Hülfswissenschaften zu bezeichnen sind. In dieser Rubrik wird auf den verschiedensten Wegen der Stoff für die Geschichte, sei es sprachlich oder realistisch, nutzbar gemacht, gleichviel ob das geschichtliche Ergebniß zur Cultur- oder Literaturgeschichte gehört. Endlich 6) Schriften für Geschichte selbst in weitester Ausdehnung, wozu noch die Monographien über einzelne, noch wenig durchforschte Partien derselben kommen. 5