Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 63 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Recensionen: Belletristik; Poesie. 63 Geschichten einer Gasse, von Leopold Kompert (Berlin, Louis Gersckel, 1865). Meißner's „Lernberger und Sohn" zeigt uns, wie leicht ein begabter Schriftsteller ungenießbar wird, wenn er sich an Stoffe wagt, denen er in keiner Weise gewachsen ist. Meißner, ein Kind der Zeit, besitzt zu viel moderne Bildung und ein zu graziöses Talent, um die Poesie „der Trümmer" zu entdecken, und so überlasse er es daher für die Folge andern, berufenen! Geistern, „Geschichten" zu erzählen vom „auserwählten Volke". Die Lederergasse in Prag mag recht eigenthümlich altersgeschwärzt aussehen, sie mag auch Heute noch sonderbare, räthselhafte Menschen bergen, die am „Trödel" hangen, aber CharaÜere wie „Lemberger und Sohn" hat sie wol nie hervorgebracht. Oder wollte Meißner uns einen orthodoxen Wucherer, der trotz seiner Schätze zum Dieb an dem eigenen Tisch - genossen geworden, als einen Repräsentanten des Juden von ehedem vorstellen, und soll dessen Sohn, ein Gemisch von Sentimentalität, Unglauben und Eigendünkel, das Bild des Juden von heute sein? Das wäre boshaft und grausam zugleich, aber es wäre schlimmer als beides: es wäre unwahr im höchsten Grade. Man möge es uns erlassen, das Jnhaltsverzeichniß des Meißner'schen Buches, und geschähe dies selbst nur auszugsweise, zu geben, und es uns erlauben, daß wir nun das neueste Werk eines Schriftstellers besprechen, der wie kein anderer berufen ist, uns die Herrlichkeiten des „Ghetto" zu zeigen und uns die Menschen und Schicksale der „Gasse" Zu schildern. Wir meinen Kompert. Wir möchten Kompert's Talent dem Sonnenstrahl vergleichen: er vergoldet selbst den Koth und lockt die Thräne des Dankes in die Augen dessen, den er durch seine liebevolle Innigkeit erwärmte. Die „Geschichten einer Gasse" spiegeln das Judenthum, wie es war; sie sind eine getreue, naive Chronik einer erst entschwundenen Zeit, und wie die Menschen darin ausstarben, so begegnen wir in unserer Zeit der Eile und der Zerrissenheit nur selten mehr dem „Dorfgeher", der mit rührender Geduld alles Ungemach des Lebens in ewig gleicher Wiederholung seiner Familie zu Liebe ertrug; auch die „Seelenfängerinnen" sind seltener geworden, auch sie, welche den letzten Blick des Sterbenden behüten und die Seele mit Gebeten hinaufbegleiten zum Throne Gottes, der jetzt keine „Annehmerin" mehr findet. Aber noch immer hüten und warnen die guten, die treuen „Augen der Mutter" das schwache, das strauchelnde Kind; noch immer find die „beiden Schwerter", das des Staats und das des Glaubens, gezückt; doch fehlt der Fürst, der sie, wie bei Kompert, versöhnend mit Rosen umwindet; es fehlt der Vater des Volks: Joseph der Zweite. ' Im „Karfunkel" erzählt der Dichter seltsame Geschichten einer Künstlerin, der von ihren Erinnerungen an das Judenthum nichts geblieben als die heilige an die „Jahrzeit", an den Todestag ihrer Aeltern. „Christian und Lea" halten wir für unbedeutend , und nun scheiden wir mit dem Wunsch, daß Kompert sein so schönes Talent endlich von den Fesseln befreie, in die er es selbst geschlagen; er hat seine Mission für sein Volk erfüllt; er schilderte die Leiden der Vergangenheit, er spendete ihm Hoffnung und Trost und ließ es den goldenen Schimmer ver Freiheit ahnen. Doch die Zeit ist eine andere geworden; dem Schmerz folgte die Freude, der Bedrückung folgte die, Errettung, und das jüdische Volk wurde ausgenommen in den heiligen Bruderbund der Nationen. Deshalb ziemt es seinen Dichtern, zu zeigen, daß auch sie ein Herz haben für die Wonnen und Leiden der Welt, denn die Gegensätze des Glaubens gleicht die Theilnahme versöhnend aus! Alfred Teniers. Poesie. Almenbilder, von Ludwig August Frankl ( Leipzig, Oskar Leiner, 1864). Der mittelalterlich-romantisch gefärbte Titel des Buches veranlaßte uns zu dem irrigen Glauben, wir hätten hier eine Reihe „wohlwollender" Bilder vor uns, Bilder von Kümpfen und Turnieren, von gefangenen Edeldamen und rohen Raubrittern, die mit „wenig Witz und viel Behagen" den funkelnden Wein aus Humpen leeren, deren mächtiger Umfang den nachgeborenen Geschlechtern stets eine ehrwürdige Quelle des Erstaunens geblieben. Auch von Zügen in das gelobte Land gedachten wir zu lesen, von dem Feldgeschrei: „Gott will es!" vom Kampf um die heilige Stadt und um das Grab des Christ. Doch haben wir uns sehr getäuscht, denn diese „Ahnenbilder" entrollen zwar die Bilder der Vergangenheit, wol führen sie uns in das „ gelobte Land " und in die Stadt Gottes, nach Jerusalem, aber das Geschlecht der Kämpfer ist zu einem Volk von Duldern geworden seit „die Stadt so traurig und so öde, die einst voll Herrlichkeit und Leben war". Der Dichter hat nun seiner Trauer um die entschwundene Herrlichkeit seines Volks in den vorliegenden Liedern einen zuweilen erschütternden Ausdruck gegeben, obgleich er, glücklicher als Moses, das geweihte Land seiner Väter, das Land seiner Sehnsucht betreten durfte. Aber seine schmerzliche Enttäuschung über den Zustand desselben fand in dem Liede „An Jerusalem" einen leider nur von starker Reizbarkeit zeugenden Widerhall, und so hätten wir denn dieses Gedicht sowie die „Zehntausend Seelen" und „Lessing und Mendelssohn" aus dem sonst so trefflichen Buche gerne hinweg gewünscht.