Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 62 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417807--071-2417907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
62 JLLustr. MonaLsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Kraft und Herrlichkeit bewährt hat und bewähren wird" (S. 297). Es ist hier nicht nothwendig, daß wir den Verlauf der Entwickelung des israelitischen Geistes, wie Carriere, anknüpfend an die hervorragendsten Personen und Ereignisse der Geschichte dieses Volks, ihren Verlauf uns vorführt, hier ausführlich mittbeilen, da er zumeist aus die Entdeckungen und Ansichten Ewald's, Steinthal's, Gustav Bäner's und anderer gelehrter Sprach- und Geschichtsforscher sich beruft; es ist dies mit so tiefer Erkenntnis;, so seinem Geschmacke und in einer so frischen und lebensvollen Sprache dargestellt, daß man hier nur den klaren Sinn bei der Wahl der zu Anhaltspunkten dienenden Momente und die Festigkeit und Rundung in dem Baue der Abhandlung bewundern muß. Die sinnige ästhetische Betrachtung und Veurtheilung der den einzelnen Zeiten angehörenden Dichtungen und Literaturwerke, die geniale Auffassung derselben in ihrem Zusammenhänge mit der Geschichte, die tiefe Durchschönung der aus allen Werken des Volks in größerer oder geringerer Helligkeit hervorleuchtenden Neigung und Anlage macht dem Philosophen, der mit gleicher Sachkenntniß und Beurtheilungsgabe das ganze Alterthum uns vorführt, um so mehr Ehre, als die Culturstellung des alten Israels ein besonders interessantes und fruchtbares Object philosophischer Betrachtung ist. Gott hat den Menschen in seinem Ebenbilds geschaffen, er soll in der Verehrung des Schöpfers, in der Vollstreckung seines Willens, in der Erfüllung seiner Gebote das Ziel und -Heil seines Lebens finden; das Sittengesetz ist der Wille Gottes, das Bewußtsein der Ebenbildlichkeit mit Gott soll den Menschen von der unsittlichen That abhalten; sie bildet das, was ihn vom Thiere unterscheidet und sein Leben theuer macht. „Wer das Blut des Menschen vergießt, durch einen Menschen sott sein Blut vergossen werden, denn im Ebenbilde mit sich hat Gott den Menschen geschaffen", diese Stelle hätte Carriere anführen sollen, weil in ihr die Würde, die das alte Israel dem Menschen giebt, kurz aber scharf ausgesprochen ist. Israel hätte, wie alle Völker, den Begriff der Einheit Gottes verloren und verworfen, wenn die Versinnlichung in den künstlerisch gestalteten Stoff ihm gestattet gewesen wäre. Die Kunst wurde dadurch eines reichen Feldes ihrer Thätigkeit beraubt; dafür blühte sie aber herrlich auf in der Poesie und in der Geschichtsbetrachtung. Sehr schön sagt er, Steinthal's geniale Ansicht über die Simsonsage zusammenfassend: „Die Thaten Simson's, die Sagen von der Starke des gewaltigen und frohmüthigen Recken, sind von der Volksphantasie zu zwölf zusammenhängenden Abenteuern mit heiterem Humor ausgebildet und zu dem tragisch erschütternden Schluß geführt. Wenn sie an die Heraklessage anklingen, so mögen wir bedenken, daß diese selbst ihre Wurzeln zu einem großen Theile bei den Phöniziern hatalso die alte Stammverwandtschaft der Hebräer mit ihnen hervorblickt und die Erinnerungen an ursprünglich gemeinsame Naturmythen vom Sonnengott wie bei dem deutschen Siegfried auf einen Helden übertragen und zum Schmucke desselben geworden sind. Die Lust an Räthselspielen begegnet uns auch hier; Fabeln und Sprüche gehören gleichfalls dieser Zeit schon an. Simson als Löwenbesieger bezwingt das Symbol der sommerlichen Sonnenglut, wie er sie erzeugt, wenn er Füchse mit brennenden Schwänzen in die Getreidefelder sendet; er zieht sich nach dem Siege zurück, wie der Sonnengott im Winter; seine Kraft liegt in seinen Haaren, wie die der Sonne in ihren Strahlen" (S. 301). Konnte es doch nicht einmal ausbleiben, daß selbst in einem herrlichen Psalm, in dem Gottes Macht und Lehre mit rauschender Begeisterung gepriesen werden, die Sonne mit einem Bräutigam, der auf seinem Ehezelte, mit einem Helden, der freudig seine Bahn durchläuft, verglichen wird. Von dem Prophetenthum sagt er: „Die Gesetze der Natür, die sittliche Weltordnung, die allgemeinen Wahrheiten, welche das Leben beherrschen, sind die großen Gedanken Gottes, die der Mensch, in göttlichem Geiste geboren, damit in der Tiefe seines Wesens trügt und sich zum Bewußtsein bringen soll; dadurch kommt er zum Gefühl seiner Gemeinschaft mit Gott. Das Osfenbarwerden dieser Wahrheiten in seiner Seele erleuchtet dieselbe, und sie erscheint anfänglich nicht in wissenschaftlicher Vermittelung, sondern in der Unmittelbarkeit der Anschauung, als ein Gesicht, das im Gemüthe aufsteigt und in: Bild einer besondern Erscheinung das Allgemeine erblicken läßt. Es ist das göttliche Ich als das universale, welches das in ihm geborene menschliche Ich fortwährend durchdringt; wie das menschliche Leben sich von ihm absondert und ihn: sich entgegenstellt im Jrrthum und in der Sünde, so greift das göttliche überwältigend über das menschliche, bezeugt sich in ihm, offenbart sich in ihm durch die Stimme des Gewissens oder in den: plötzlichen Klar- Werden ewiger Wahrheit; in diesen Kreis gehört das Prophetenthum" (S. 310). Hier -scheint uns Herr Carriere zu viel Gewicht auf die Person des Propheten gelegt zu haben, die aber im alten Israel hinter seinen Reden völlig verschwindet. B. Rrttnsiomn. Belletristik. Lemberger und Sohn, von Alfred Meißner (Berlin, Otto Jancke, 1865).