Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 61 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Carriere über das alte Israel. 61 gleicher Weise erschlossen-, das Gefühl für Reinheit zeigte sich in denEAbscheu von widernatürlichen Vermischungen, der Zartsinn und das Gefühl des Erbarmens, daß das Böcklein nicht in der Milch der Mutter gekocht werde, die es eigentlich ernähren sollte (292). Da Gott als etwas Uebersinnliches gedacht wurde, mußte auch das Frühlingsfest sich in eine Feier der Befreiung aus der Dienstbarkeit, der Erinnerung an die göttliche Macht sich verwandeln. Der Opferaltar mußte, je lebendiger die Vorstellung wurde, daß innere Heiligung und Ergebung mehr als blutige Opfer vor Gott gelten, da erst die Menschenopfer aushörten, mit der Zeit auch ganz erlöschen. In der hebräischen Kunst ist der Geist das Höchste, und die äußere Form und Erscheinung unwesentlich. Die Natur wurde nicht um ihrer selbst willen, um an ihren Schönheiten slch zu ergötzen und an ihren Gaben sich zu erfreuen, betrachtet, sie war ein Geschöpf des unsichtbaren geistigen Gottes, dessen Allmacht und Weisheit sie in ihrer Gewalt und Planmäßigkeit kundgab; auch in den Thaten der Menschen, in der Geschichte, erblickt der Hebräer mehr die leitende Hand Gottes als die freie Willensthätigkeit der Menschen; darum ist dem Propheten, als vom göttlichen Geiste beseelt wie seine Lender, die Macht verliehen, die Gesetze der Natur nach Zweck und Belieben zu ändern; dem Gebot des Geistes müssen alle Naturgeschöpfe dienen: der Prophet ist ein Wund erth ater. Die Phantasie der Hebräer konnte bei dieser Erhebung nicht in der Wirklichkeit ruhen, nicht aus dem Stoffe die von ihr geschaffenen Gebilde bereiten. Plastik und Architektonik blieben den Hebräern fremd, die Einbildungskraft versenkte sich in die Tiefen der Gemüthswelt und schuf dort geistige Kunstwerke, Dichtungen, lyrische Dichtungen, die rein aus dem Gemüthe quellen, die, weil sie die subjective Stimmung, die innerliche Bewegung ausdrücken, dem Volke der Religion recht eigentlich angehören. Es ist darum nicht das plastische Epos, das sich bei den Ariern findet, sondern die musikalische Lyrik das Ergebniß der hebräischen Gemüthsstimmung und Weltausfassung; es ist die Innerlichkeit des Gemüths in seinem Verhältniß zu Gott; es ist die Weihe des Irdischen durch seine Beziehung auf das Ewige, und der sittliche Gehalt, wodurch diese Lyrik das religiöse Gepräge und die elastische Größe für alle Zeit erhält. Sie ist hymnisch in dem Preise Gottes, für den sie alle Pracht und Fülle der Natur verwerthet; sie ist didaktisch, insofern es ihr weniger um die Schönheit als um die Wahrheit, um das Heil der Seele, um die Erbauung des Gemüthes zu thun ist. In ihrer Erhabenheit herrlich und in ihrer Geistigkeit unbekümmert um die äußere Erscheinung, findet sie eine eigentümliche Form, indem sie unbefangen nur nach dem Höchsten trachtet (S. 293). Sehr schön und wahr charaüerifirt Carriere die hebräische Dichtung in ihrem Stoffe, ihrem Verlaufe und ihrer Form. Die Welt der Erscheinungen hat für den auf das Geistige hinschauenden Dichter nur den Werth, als sie die Empfindung erregt und befruchtet, die von der inneren Stimmung erzeugten Vorstellungen in dem Naturgegenstande sich versinnbildlichen. Die Phantasie folgt den Bewegungen des Gemüthes; „die Freiheit des Gedankens herrscht, und wie die Vorstellungen einander Hervorrufen, eilt die Darstellung ihnen nach und schwebt raschen Flugs von einer zur andern; blitzartig werden die Dinge beleuchtet, und jeder Gegenstand, der gerade vor der Einbildungskraft steht, tritt hell hervor; aber sofort einem andern weichend, versinkt er wieder ins Dunkel". „Die hebräische Poesie ist dabei groß durch ihre Intensität; sie ergreift auch das Innere, die Seele der Dinge, und weiß den Zug in der Erscheinung prägnant hervorzuheben, der das Wesen am ausdrücklichsten bezeichnet, das Wort zu finden, das den Begriff der Sache sofort uns mit schlagender Gewalt angibt. Aber , kein Bild wird um seiner selbst willen ausgesührt, viel mehr fliegt die Empfindung, als ob sie nicht genug thun könnte, von einem zum andern, und die Metapher, die im Zeitwort liegt, ist oft schon eine andere, als die der Zusammenhang mit dem Hauptworte erwarten ließ" (S. 294). Der Bau und die Form des Gedichtes folgen dem ungehemmten Zuge des Geistes, der mit Heftigkeit und Erregtheit nicht im vornherein den Kreis beschreibt, innerhalb dessen seine Gedanken sich bewegen sollen, sich nicht durch Gesetz und Regel beschränken läßt. Man fühlt den Rhythmus der Worte blos, man erkennt ihn nicht und kann kein Gesetz für ihn auffinden; er richtet sich nach dem Rhythmus der Gedanken im Geiste. Kein Versmaß, kein Strophenbau, kein Reim hält den Aufschwung des Gemüthes zurück; der Gedanke des Dichters ist blos nach dem Sinn gerichtet, und um diesen recht lebendig auszuprägen, stellt er Satz und Gegensatz, Grund und Folge zusammenhängend nebeneinander. Der Tonfall der Silben, der Rhythmus, selbst die strophische Abtheilung ergiebt sich von selbst und besteht im Geiste, ohne daß eine Regel deren Erzeugung bestimmt und eine äußere Form dafür vorhanden ist. „Lyrik also, subjective Poesie ist der Grundton des Hebräerthums auf dem Gebiete der Kunst; sie begleitet es von seinen Ursprüngen an, und die Psalmen geben uns nicht sowol die Gefühlsergüsse und Bekenntnisse eines einzigen königlichen Dichters als die Herzens- und Geistesgeschichte eines Volkes im Laufe vieler Jahrhunderte. Und im gewaltigen Ausdruck des Gottvertrauens wie des Sündenschmerzes und der Sehnsucht nach Versöhnung, in der Anerkennung des ewigen Grundes von allem Zeitlichen sind sie ein Muster religiöser Poesie, das in seiner elastischen Größe für immer dasteht und durch die Jahrtausende feine gemütherschütternde wie seine trostverleihende