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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 60

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 60 (sequence 68)
Language
German
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60 Zllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Literatur. Moritz Lmmt über LgZ iillt WM. Von allen Seiten und mit allen Mitteln und Kräften wird seit einigen Decennien ein tieferes und umfassenderes Verständiß des Alterthums, seiner Monumente und Zeugnisse, die zum Theile erst in der Gegenwart entdeckt wurden, angestrebt und angebahnt. So kurz auch dieser Zeitraum erscheinen mag, und so mühsam auch der Weg zur Entzifferung vieler wichtiger Documente ist, so kann man doch, wenn inan die Erfolge und Erfahrungen, welche man durch die fleißigen und gründlichen Forschungen auf diesen: Felde gewonnen hat, überblickt, es mit wahrer Befriedigung versichern, daß unermeßliche Schätze der Erkenntnis zu Tage gebracht, die Wissenschaft nicht nur vielfach berichtigt, bereichert und ergänzt, sondern völlig umgestaltet und auf neue Grundlagen gestellt wurde. Man ist von der Prüfung und Feststellung der Thatsachen, welche in ihren: Zusammenhänge als Geschichte der Menschheit sich darstellen, zur Ergründung der innen: Ursachen und Triebkräfte geschritten, aus deren Natur und Richtung, in Verbindung mit äußern Anreizen und Einflüssen, Sprache Schrift, Literatur, Kunst, Verfassung, Religion, Lebensart und endlich die geschichtliche Mission und Thätigkeit der einzelnen Völker sich hervorbildeten. Die monumentale Kunde in Nordasrita, Assyrien, Italien, der Schweiz und andern Ländern, die in reichem Maße vermehrte Kunde von den Sprachen und Sitten der Naturvölker gaben den Antrieb und den Muth, die durch eine freie, fessellose und tiefe historische Kritik erst recht nach ihrer Wahrheit erfaßten und verstandenen schriftlichen Documente der Vorzeit boten viele Auskünfte und Hülfsquellen, die ältesten Anlagen und Bestrebungen des menschlichen Geistes, deren Erfassung bisher durch den um die Vorzeit gelagerten undurchdringlichen Mythennebel unmöglich war, nicht auf dem Wege der Spekulation, sondern nach der Empirie und geschichtlichen Betrachtung aufzufinden. Es entstand eine neue Wissenschaft, die Völker-Psy chologie; sie war ein Theil und Hauptziel der historischen Wissenschaft. Seitdem man aber die Geschichte der Thatsachen zu einer Geschichte des menschlichen Geistes gemacht hat, seitdem die Sprachwissenschaft nicht blos die Wörter und deren Ursprung und Bildung rn den Kreis ihrer Untersuchungen gezogen hat, sondern auch die Phantasiethätigkeit, die bei deren Schöpfung, den ästhetischen Sinn, der in ihrer Gestaltung, und endlich das Denkvermögen, das in ihrer Verbindung und Zusammenfügung sich verräth, darzulegen strebte, hat die Philosophie deren Ergebnisse für ihre Zwecke in Anspruch genommen; empirische und speculative Wrssenschaft befreundeten und näherten sich gegenseitig mehr denn je. So hat denn noch nicht lange her der Philosoph Moritz Carriere ein Werk unter dem Titel „Die Kunst im Zusammenhänge der Culturentwickelung und die Ideale der Menschheit" veröffentlicht, in welchem mit einem feinen ästhetischen Gefühle und tiefer Sach- und Literaturkenntniß der die Geschichte beseelende meuschheitliche Geist in seinem Erwachen und Aufkeimen, in seiner Entfaltung und wachsenden Entwickelung, aus seinen Thaten und Schöpfungen, in der: ihm innewohnenden Anlagen oder ihn richtenden äußern Einflüssen irr seinen verschiedenen Richtungen und Erscheinungen erkannt und gezeigt wird. In diesen: Werke findet sich auch ein großes und mit besonderer Aufmerksamkeit gearbeitetes Kapitel über das alte Israel, dessen Inhalt wir in Folgendem darlegen und untersuchen wollen. Israel hat die in dem Semitenthum ruhende Grundidee in ihren: Höhenpunkte erfaßt; es hat in der Geschichte eine religiöse Mission übernommen und ist ihr mit Geduld und Beharrlichkeit treu geblieben. Israel hat nicht nur den Begriff von Gottes Einheit festgehalten, während er überall sich in einen Polytheismus entfaltete, auch die Geistigkeit Gottes hat es gegenüber seiner symbolischen Personifikation festgehalten. Gott ist der Schöpfer der Well, der Lenker aller Dinge, aber auch Lehrer und Gesetzgeber; die sittliche Weltordnung war der Ausdruck seines Waltens, und die Erfüllung des Sittengesetzes der rechte Dienst, den er verlangte. In den Worten: „ Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig", ist das ethische Wesen Gottes ebenso klar ausgeprägt als die Freiheit des Menschen in der Forderung anerkannt , daß er das Wesen des Geistes als dessen inneres Gesetz in sich selbständig entwickle und dadurch sich Eins wisse mit Gott. Die Lehre Israels war von Urbeginn dazu bestimmt, Eigenthum der ganzen Menschheit zu werden, „der Glaube, daß die Mensch-! heit nach dem Bilde Gottes geschaffen, durch sittliche Freiheit sich zum Reiche Gottes aus Erden gestalten soll, ist das große Erbtheil Israels, seine Errungenschaft für die Nachwelt" (S. 291,. Die Patriarchen und die Propheten > tragen diese Ahnung schon in sich, sie sprachen sie in allgemeinen Worte:: deutlich aus und mache:: sie zum Eigenthume und Bewußtsein des Volks, welches sich durch seine religiösen Wahrheiten als auserwählt und geheiligt ansah. Die Vermeidung jeder sinnlichen Vorstellung von Gott mußte die Anschauung über die Natur in den Geist erheben, ohne daß diese verachtet wurde. Der Sinn war ihren freundlichen wie ihren grauenvollen Eindrücken in

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