Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 36 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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36 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Ech gebe auf alles Eizis'" Und gehe dawinen imjdim^' — Nehm' den Talis auf die Pleizis ' . Sagt man, ech bin sehr frimm. Ech reiß' keinem die Haut nischt ub Und behandel ehrlich den Olim^, Für a Gülden lös ich vom Gehenim ub. Von dem Tod für Chaj Gedoleni! „Bravo!" ruft der jüdische Soldat; „das Lied ist schön, wenn auch nicht der Sänger und seine Stimme. Da habt Ihr Geld zu einein Trunk, nur Eure Kehle zu waschen." Und während der Klausner sich rasch entfernt, um in seine Klause zu eilen, setzt sich, treu seiner Zusage, der Soldat mit der ernsthaftesten Miene, als ob es sein Berufsgeschäst wäre, an das Lager des kranken Kindes, um Wärterdienste zu leisten. Acht Tage später stürzt der Klausner in freudigster Erregung in seine Wohnung. Schon beim Eintritte in das Gäßchen begann er „Gittel!" zu schreien, und als er endlich drin in der Stube ist, hat der Mann keinen Athem mehr, und es dauert einige Minuten bis er auf wiederholtes Anstürmen seiner Frau die Worte Hervordringen kann: „ Wir sind reich, Gittel! Reich sind wir!" „Ich glaube, du bist eher verrückt", antwortet diese. „Wgs ist dir geschehen?" „Ich habe in der Lotterie gewonnen, hörst du, Gittel, mein Weib, in der Lotterie!" „Gott gerechter, in der Lotterie! Wo hast du das Geld?" „Wart' nur, du sollst es wissen, Gittel, mein lieb' Weib, und du sollst deinen Mann kennen lernen! Der jüdische Soldat, der da war, hat mir für ein schönes Lied, das ich ihm gesungen, ein Trinkgeld gegeben. Ich trank aber nicht, sondern Hab' das Geld in die Lotterie gesetzt. Du weißt, daß das meine Leidenschaft ist. Nun, was willst du, Gittelleb, meine 4, ü und 88 sind roth auf weiß zu lesen, und ro Rctthschlage. " überall, Schulter. " die Leme. heüte habe ich vier Stück breite Hunderter bekommen!" „ Vierhundert Gulden!" ruft Gittel. „Und noch darüber. Ich, was thue ich mit dem Geld? Ich dachte mir, bringe ich das Geld nach Haus, so verliert Gittel den Kopf, kauft dem Kind Schuh', dem andern ein Kleid, macht Schabbjs, und bevor man sick es versieht, sind die schönen Hunderter geschmolzen. Der Mensch aber muß an die Zukunft denken. Was glaubst du, Gittel, Hab' ich gemacht?" „Weiß ich, du verrückter Mensck>? Hast dir Rändlech eingewechselt?" „Fehlgeschossen!" „Hast ein Haus gekauft?" „Haben wir keins?" „Oder gar das Geld auf Zinsen weggeliehen? " „Nichts von all dem! Du kannst nicht treffen, Gittel! Ich lies zur Chewra Kedischa, ließ mich und dich aufnehmen, damit Kadisch gesagt und Mischnais gelernt werde, wenn wir gestorben sind; zwei Karkes*) kaufte ich, zwei Steine und zwei Leichengewänder für mich lind meine Gittel, auf daß niemand sich um uns kümmern muß, niemand für nns betteln muß, wenn uns Gott abrust, und damit wir wie reiche Leute begraben werden. Du sollst dir die langen, breiten Steine und die feinen Linnen ansehen, Gittelleb, so wirst du deine Freude daran haben." Und so sind sie, diese armen Juden! Aus den Leiden und den Bedrängnissen der Gegenwart flüchten sie in die Zukunft; ihr Blick ist immer ostwärts gerichtet, das Dasein ist ihnen eine Reise, während welcher sie nur an die Ankunft denken; bei Noth und Mangel, mitten im bittersten Kampfe mit dem feindlichen Leben denken sie an den Ausgangs wie sie mitten in ihren Festen, sich in den Leichenkittel hüllend, an den Tod denken; wie die Seefahrer in unbekannten Meeren stets Hinauslugen nach unentdeckten Gestaden, so bicken sie immer hinaus nach dem nie umsegelten Jenseits mit seinem flammenden Pfuhle und duftenden Eden. Grabstellen.