Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 32 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Jllustr. Monatsh. für die ges. eine zu verheirathende Tochter, die andern für das spätere Alter und Erwerblosigkeit; noch andere, deren Ehe steril geblieben, wollen es zum Heile ihrer Seele einer frommen Stiftung überlassen, auf daß für sie Kadisch gebetet und Mischnais gelernt werde am Sterbetag. Diese Familie braucht wenig Raum. Der Mann schläft seit Jahren in der Klause, um daheim das Bett vermiethen zu können und bei der Hand zu sein, wenn in der Nacht für einen Schwerkranken im Gebete das letzte Mittel gesucht oder eine Todtenwache für einen Sterbenden geholt wird. Die Frau schläft mit ihren: altern Kinde; das jüngste schläft im Korb, der an der Zimmerdecke hängt. Dies Kind ist krank, gelb und aufgedunsen. Mangelhafte Nahrung, die Feuchtigkeit der Wohnung und die dumpfe, schwere Luft darin haben die Gesundheit des jungen Geschöpfes untergraben. Die Frau, die, an der Hängewiege sitzend, dieselbe in Bewegung erhält, ist die Mutter. Man würde dies abgehärmte, fleischlose Weib, das mit ihren dürren Händen das kranke Kind schaukelt und mit den welken Lippen betet, eher für die Großmutter halten, die den Schlummer ihres Kindeskindcs bewacht. Die Frau ist dreißig Winter alt, die schwer und wuchtig über sie hingingen. Für die Armen hat die Zeit nicht dei: raschen Flügelschlag, mit dein sie den Glücklichen im Fluge umfächelt: für sie keucht sie zu Fuß, schwer und zermalmend, für sie dehnt sich das Jahr, das für den Reichen nur einen Frühling und einen Fasching hat, zu einem Decennium voller Marter, voller Kämpfe und Entbehrungen, und während jene, bei denen das Glück zu Gevatter stand, die Flucht der Zeit bedauern, freuen sich die andern, deren Tage unter Arbeit und deren Nächte unter Sorgen vergehen, wenn sie auf das Leben und die Prüfungen zurückblicken, die sie schon überstanden Habei:. Niemand als diese Frau und ihr Kind sind daheim. Die Leute, die hier ihr Nest haben, müssen wie die Vögel ausfliegen, ihre tägliche Nahrung suchen, die sie nicht immer finden. Interessen des Judenthums. Sie betet — vielleicht auch flucht sie ihrem Schicksal. Wer kann das leise Wimmern ihres Herzens hören? Seit frühem Morgen sitzt sie da, ohne daß Nahrung über ihre Lippen gekommen, und, was trauriger noch, ohne daß sie ihr krankes Kind erquicken konnte. Das Kind scheint, wie seine Mutter, ans Hungern gewöhnt zu sein; ruhig liegt es da und streckt erst die Händchen aus, als eine Frau mit einen: Glase Milch in die Hütte tritt. „Ich habe das für dein krankes Kind gebracht." „Gott lohne cs Euch, Rebezin ", sagt die Mutter, ausstehend; „das Kind vertrocknet, und kein Schluck Milch, kein Groschen Geld im Hause, kein Arzt und keine Medicin, und ich kann nicht hinaus, mn etwas zu verdienen." „Warum läßt du dein Jüngel nicht an der Wiege, damit du dir was suchen kannst?" „Mein Jüngel, Rebezin? und das Cheder? " Das Cheder! Die Schule der bigoten Klassen, in welche die Kinder selbst der Bettler, ohne daß irgendwelcher Schulzwang bestände, ohne daß irgendeine kirchliche Behörde ihren Einfluß übte, oder daß der Staat helfend eingriffe, geschickt werden, ihre Sprache, ihre Bibel, ihre Gebete und ihre Gesetze zu lernen; die Schule, die den: Juden fast zum Tempel wurde, und die kaum Einer der zahlreichen Juden, welche Galizien, Polen >und Rußland bevölkern, nicht besucht hätte! Kein Jude, mag er auch noch so arm sein, versäumt es, seine Söhne in der Sprache unterrichten zu lassen, die sich seit Jahrtausenden unverändert fortgeerbt durch alle Geschlechter und heilig geworden wie die Bibel selbst, die ihr Born ist. Und wenn das Knrd eine Waise, wenn es Vater und Mutter verloren, wenn auch keine Brotkrume zurückblieb, es zu ernähren: fromme Juden treten an die Stelle der hingegangenen Aeltern; sie unterrichten die arme Waise und nähren sie, solange sie unterrichtet wird. „Wenn ich ausgehen kann", fuhr die arme Frau fort, „so trage ich meine Kartoffeln, Aepfel, Eier, Hühner