Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 31 (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417807--040-2417876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus den untern Schichten. 31 rathen, die seinem Geschäfte ein neues Kapital zuführte. Aus dem Schiffbruche des Glückes, den es erlitten, hatte das arme Weib nichts gerettet als ihr vielgeliebtes Kind, das der herzlose Gatte ihr willig überließ. Die Freunde alle waren gewichen; die Thüren, die offen standen, schlossen sich der Unglücklichen, die nirgends Hülfe fand, nirgends Hülfe suchte. Muthig stieg sie aus dein früher« Wohlstände in den Pfuhl der Armnth; inan hörte keine Klage, man sah keine Thräne. Eine Freundin, gegen die sie früher wohlthätig gewesen, trägt ihr jetzt Arbeit zu; sie lebt einzig von ihrer Nadel und lebt einzig ihrem Kinde. Dies Kind aber, das die Natur reich begabte, als wollte sie das Unrecht des Schicksals daran vergüten, ist das Stichblatt all ihrer Liebe, ihrer Sorge, ihrer fast närrischen Zärtlichkeit. Bis der Schlaf sie übermannt, wacht die arme Mutter an seinem Lager; sic wartet schon mit einem Lächeln und einem Kuße, wenn es erwacht; den besten Bissen, durch eine Nachtwache erkauft, bringt sie ihm entgegen; sie geleitet es in die Schule und holt es aus derselben; sie geht mit ihm hin, wo der kleine Knabe noch kleinere Knaben unterrichtet und so der Mutter hilft, den kargen Bedarf zu decken, und wartet da an der Schwelle der Häuser, bis das Kind wieder erscheint, den Heimweg anzutreten. Mit einer krankhaften Aengstlichkeit, wie von einem bösen Prognvstikon in ihrem mütterlichen Aberglauben bestimmt, hängt sie an dem Knaben auf Schritt und Tritt. So hütet der Geizige seinen Schatz, so ängstlich kehrt er ihm den Rücken, so leuchtet er auf, wenn er ihn wicdersieht. Ob dies Kind einst, zum Manne gereift und selbständig geworden, der Mutter all die Liebe, die Sorge, die Mühe, die Opfer, die sie ihm durch lange Jahre brachte, die schlaflosen Nächte, die kummervollen Tage heimzahlen wird, ob es für ihr Alter eben so sehr sorgen wird, wie sie für seine Jugend sorgt? Es ist das Unglück der Aeltern, daß die Kinder kein Gedächtniß aus' der Kindheit mitbringeu. Dieser Knabe, jetzt ihre Sorge und ihr Trost, wird sich eines Tages gleich so vielen andern Söhnen losreißeu aus den Annen der verzweifelnden Mutter und hinausstürmen in die Welt, seinem weiten Kampfplatz, um mit dem Leben zu ringen, sie daheim lassend, einsam, trostlos und bang. Früher war's das Wort, der Blick, der Kuß, welche die Mutter erfreuten, jetzt treten Briese an ihre Stelle — immer kürzer, immer seltener, immer kühler, denn die Zeit und die Entfernung legen ihre Krusten über alle, noch so vulkanischen Gefühle, nur nicht über die einer Mutter! Aus dem cchmuze dieser elenden Stube heben sich der reinliche Winkel, das saubere Bett, der gescheuerte Tisch so vortheilhast ab wie etwa eine Wiese von einer Pfütze. Alles, was dieser Frau angehört, ist bei aller Aermlichkeit so sauber und blank, alles trägt den Stempel einer so sorgsamen Wirtschaftlichkeit, daß man sich angezogen und angemuthet fühlt. Diese arme, in Wohlstand ausgewachsene Frau ist hier in dieser Umgebung ein fremdes Element, aus andern Schichten herübergekommen; man haßt sie auch in diesen Kreisen wie einen Eindringling, wie man etwa in höhern Gesellschaftskreisen einen sich spreizenden Parvenü haßt; denn auch die Armen sind zuweilen erclusiv und dulden nicht gerne fremdartige Erscheinungen unter sich, die, mit ihnen auf derselben Sprosse stehend, ihnen durch Ueberlegenheit doch imponiren! Die dritte Familie, die diesen engen Raum theilt, ist ein Klausner mit Weib und zwei Kindern. Es sind dies die Eigenthümer dieser Baracke, die sie von ihren Aeltern ererbt lind in der größten Noth nicht verkaufen mochten. Eine gewisse Pietät macht den Juden ererbte Besitzungen ungleich werther als erworbene, zu deren Veräußerung sie sich selbst bei dem drückendsten Geldmangel nicht leicht entschließen; besonders nicht die untern Klaffen, die um so zäher daran hängen, als sie nicht wieder zu einem solchen Besitz gelangm können. Die einen halten ihre Häuschen als Reservefond für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.