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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 30

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 30 (sequence 38)
Language
German
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30 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. dem ungewohnten Auge gespenstig entgegengrinst. Hier hat sich das Elend häuslich medergelasten, dem Hause, dem Zimmer, den Möbeln und den Leuten drin seinen Stempel aufdrückend, der schlimmer ist als ein Kainszeichen. Drei einander fremde, zufällig zusammengewürfelte Familien bewohnen diese armselige Hütte. Ein eben verheirathetes Paar, das nach kaum verklungenem Hochzeitscarmen hier Asyl genommen. Es drückte sie beide das Sklavenleben des Dienstes; beiden hat Gott gesagt, es sei nicht gut, daß der Mensch allein sei-auf Erden; beide hatten sich einige kleine Ersparnisse znrückgelegt, und beide verfielen sie ihrem Verhängnisse. Der Bund war geschlossen und das Unglück besiegelt. Sie kaufte eine. Perlenbinde, die die Jüdin gewöhnlich im Momente anlcgt, wo die Zöpfe fallen und die Hand des Gatten den Schleier über ihre Augen wirft, auf daß sic ihm blind folge; er den Bctmantel, die Sabbatmütze und das Sabbatgcwand. Das kleine Kapital schmolz, und als die Flittertage — die Vornehmen haben Honigmonate, die Neichen haben Flitterwochen, die Armen haben blos Flittcrtagc, oft nur Stunden — als die Flittertage vorüber waren, trat schon die bleiche Sorge in die neue Wirthschaft ein, mit ihrer Knochenhand in die Zukunft weisend. Die erste Einrichtung hatte fast die ganze Rcisezehrung erschöpft, die sie für ihren gemeinschaftlichen Gang durchs Leben zusammenlcgtcn, und sic standen rathlos schon am Beginne. Die freudigen Hoffnungen auf den Antritt eines selbständigen Gewerbes, auf ihr erspartes Geld, ans den Schutz ihrer frühem Dienstgeber, und die von heitern Hochzeitsgästcn eröffncten Aussichten waren zerronnen, und das früher übertünchte Leben zeigte sich nun in seiner abscheulichen nackten Häßlichkeit. Jeder Tag des Zauderns und der Ueberlegung zehrte an dem kargen Rest, und die Nothwendigkeit trat gebieterisch heran. Als fast nichts mehr zum Theilen war, theilten sich die beiden Gatten in den kleinen Rest; er griff zum Tandlererwerb, sie hausirte mit allerlei Krämereiwaarcn herum; sechs Tage arbeiteten sie unverdrossen und ungesättigt, um für den siebenten Schabbis zu macheil und ihn nach ihrer Art festlich zu begehen. Freitag abends, wo alle Arbeit eingestellt, der Schweiß von der Stirne und die Thräne aus dem Auge gewischt wird, wo die Sorge auf einen vierundzwanzigstündigen Urlaub geschickt, der Tisch mit weißen Linnen gedeckt wird und die sonst finstere Stube aufflammt im Lichte vieler Kerzen, da hört man selbst aus dieser Stätte des Elends,' von diesen ausgehungerten und ausgetrockneten Geschöpfen Lieder aufjauchzen und Helles Lachen ertönen, als ob das Brot des nächsten Tages gesichert wäre und nicht in jedem Winkel des Herzens die Sorge nistete! Mit diesem Paare theilt eine Mutter und ihr Kind diese Stube. Wer diese Frau erblickt, diese schlanke Gestalt, dies feine, blasse, tiefernste Gesicht mit den dunkeln, feuchten Augen, muß trotz der Armuth der äußern Erscheinung erreichen, daß ihre Wiege an ganz anderer Stätte stand als da, wo sie das Unglück hingewvrfen. Wenn die Armuth eine Aristokratie hat, so ist diese Frau eine Fürstin, und das Kind unter den andern Kindern, in deren Kreis cs gehört, ein Prinz. Arme Leute aber sind Demokraten, und daher wird diese Frau verhöhnt ob ihres Stolzes, ihrer vornehmen Zurückhaltung, ihres unverbrüchlichen Schweigens, und der Knabe verfolgt, weil er die Schule besucht statt des Cheders, und seine Bücher trägt mit dem Anstande vornehmer Kinder, seine Kleidchen sauber hält und sich nicht mit den andern zerlumpten Buben in der Gasse wälzt. Sie war die Tochter reicher Aeltern, die sie als junge Waise zurückließen. Fremde Leute nahmen sich des Mädchens und ihres Vermögens au: dies ging in die Brüche, jenes wurde an einen Mann gefesselt, der kein Verständniß für den Werth seiner trefflichen Frau hatte, sie mishandelte und zuletzt verstieß, um einAandere zu hei-

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