Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 14 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417807--023-2417859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 Jllustr. MonaLsh. für die ges. Interessen des Judenthums. MckmL bm Trimberg. Leben und Lieder eines jüdischen Minnesängers aus dem Anfänge des 13. Jahrhunderts. Dichtung und kreie Nclzertrugung aus dem Althochdeutschen. Von Livins Fürst. > enn unsrer Besten wir gedenken. Dann laßt uns auch in jene Zeit 'Der Minnesänger-Herrlichkeit, Des Ritterthums die Blicke lenken. Folgt mir zurück zu jenen Tagen, Wo stolze Ritter, stahlbewehrt, Mit Kraft noch führten Speer und Schwert Und Deutschlands Banner hochgetragen, Und auf den Burgen, die durchs Land Von den gewalt'gen Felsen blickten. Die Meister noch mit Mund und Hand Die Ritter und die Frau'n entzückten. O schöne Zeit! Wie liegst du fern! In Trümmern ruhen Burg und Hallen. Wo sind die Sänger und die Herrn! Das Wunderbild — es ist zerfallen. Ein Häuflein Steine zeigt den Ort, Wo jene Mauern einst gestanden; Sie schwanden hin; doch fort und fort Lebt noch das Lied in deutschen Landen. Der Schlösser irdisch-eitle Pracht, Wir sehen sie zu Staub verwehen; Die Lieder schirmt des Geistes Macht, Sie werden nimmer untergehen. Bei Würz bürg in dem Frankenland Stand Hoch am grünen Uferrand Der Saale, die vorüberfloß, Der Herrn von Trimberg Ritterschloß. Vom hohen, grünumwachs'nen Stein Blickt's trotzig in die Welt hinein. Als rief es jedem Wandrer zu: Der Herr bin ich; der Knecht bist du! — Tief unten breitet, Haus an Haus, Ein Dörslein schmuck und schön sich aus. Das schon seit manchem langen Jahr Den Edelherren zinsbar war. Von hoher Zinne wehet heut' Heinrich von Tr imberg's Banner weit, Das allem Lande künden mag Von einem frohen Festestag. So ist's. Des Herren Töchterlein Wird heut' ein edler Ritter frein; Schon strömen rings die frohen Gäste Die Burg hinan zum Hochzeitsfeste. Hier in dem Torfe hält ein Troß Zur kurzen Rast das müde Roß. An eine Hütte klopfet man: „Ein frischer Trunk, Herr Bauersmann!" — Die Thür geht auf. Mit edelm Schritt Ein Jude auf die Schwelle tritt. In seinen schönen, edeln Zügen Scheint tiefer Lebensernst zu liegen. Schwarz ist sein Haar und schwarz der Bart, Der Blick ist nicht von scheuer Art; Die Haltung stolz, die Sprache rein — „Fürwahr, das kann kein Jude sein!" — „Ich bin's!" so sagt der bleiche Mann. „Was seht Ihr mich so fragend an, Als ob ich Euch ein Fremdling wär'? Herr Walter! Kennt Ihr den nicht mehr, Den Ihr gelehrt auf manchen Reisen Des Minnesanges edle Weisen?" „Süßkind! Gott grüß dich!" Waltherspricht's; Und freundlich, milden Angesichts, Springt grüßend er von seinem Roß Und winket der Gefährten. Troß: „He! Wolfram, Biterolf! Heran! Seht diesen braven Sänger an; Ja, Süßkind ist es, der mir Werth Vor allen, den ich singen lehrt'. Er ist ein Jude! Mir ist's gleich; Mich soll in meiner Künste Reich Kein Glaube scheren und kein Stand. Kommt, reichet ihm die Bruderhand. Nun Süßkind, folg' uns als Genoß Auf zu der Trimberg stolzem Schloß, Um dort mit uns in Lied und Tönen Die Hochzeitseier zu verschönen." — „Habt Dank, ihr Herrn! Doch mein Gesang Hat schlummern müssen jahrelang; Wer weiß, ob mir der Kunst Gewalt Noch ist geblieben, nun ich alt. Ich Hab' ein Weib und Kinder viel; Die Noth vertrieb das Saitenspiel. — Sei's denn! Ich will's noch einmal wagen, Und will mit Euch die Laute schlagen, Will mit Euch ziehen, leben, singen — Vielleicht schenkt mir mein Gott Gelingen!" — Bald zogen all' im Freudenschein Des Morgens in die Burg hinein, Und in dem kunstgewölbten Saal Erklangen Lieder ohne Zahl. Den Biterolf, den Osterdingen, Wolfram und Walther hört man singen. Da trat auch aus der Sänger Chor Süßkind mit seiner Laute vor, Und bei der Saiten Feierklang Erscholl sein edler Festgesang: Gedanke! Frei für jedermann, Für jeden Thoren, jeden Weisen! Wer dich verstehn, dir folgen kann. Der ist an Herz und Sinn ein Mann, Den führest du durch Stein und Eisen; Und spottend eines Menschen Hand Trägt ihn dein Fittich übers Land. Gedanke., schneller als das Licht, Gewalt'ger als die Macht der Sinne!