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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-04-01 · Heft 1 (April 1865) · p. Seite 11

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 1 (April 1865)
Date
1865-04-01
Page
Seite 11 (sequence 19)
Language
German
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Henriette Hertz. 11 dete sich in Berlin ein „Tugendbund". Ihm gehörte alles, was in geistiger Hinsicht dort irgendwie Bedeutung hatte, an. Henriette Hertz war in diesem Kreise heimisch. Dieser „Tugendbund" bezweckte geistige und sittliche Heranbildung, ein förmliches Eintrichtern praktischer Tugend und werkthätiger Nächstenliebe. In diesem Vereine trat sie zu einer Reihe hervorragender Männer in nähere freundschaftliche Beziehung, in der vor allen Alexander von Humboldt hervorragt. Es hat einen eigenthümlichen Reiz für uns, die wir den Genius Humboldt's im Zenith seines Wirkens gesehen, wenn wir lesen, wie er Henriette eine neue Menuette lehrte, wie er vom Schloß seiner Väter, Tegel (er nannte es „Schloß Langeweile"), an sie freundschaftathmende hebräische Briefe schrieb. Noch vom väterlichen Hause aus war schon mit Ramler, Engel, Moritz, dem vorerwähnten Schadow und Reichardt reger Verkehr gepflogen. Der Hauptort aber ihres geistigen und gesellschaftlichen Wirkens war ihr eigen Haus, in welchem ihr Gatte, Marcus Hertz, philosophische Vorlesungen hielt. Es waren nicht mehr einzelne, der Familie Hertz mehr oder minder näher stehende Personen, die sich hier versammelten, es war die ganze geistig höherstehende Gesellschaft des damaligen Berlin, die in Henriettens Familienkreis ihren Sammelplatz fand. „Man drängte von allen Seiten heran", sagt Kühne, „um zu lernen, um zu huldigen, um sich geistig zu erbauen und zu erheben vom Zerfall der äußern Welt." Beide Humboldt, Graf Bernstorff, Graf Alexander Dohna, Gentz und in letzter Reihe der junge Börne waren die bekanntesten Mitglieder jenes Cirkels, der im Hause Henriettens den Grund zu der seitdem sie umfassenden geistigen Gemeinschaft legte. Den Briefwechsel, der an diesen Umgang sich knüpfte, übergab Henriette, Hertz den Flammen: ein unersetzlicher, schmerzlicher Verlust für die Culturgeschichte des damaligen Deutschland! Noch ein Cirkel war es, in dem Henriette Hertz heimisch war; es war dies jener, der allsonnabendlich sich im Hause Schleiermacher's versammelte. In diesen Cirkeln leitete Henriette das Gespräch der Gesellschaft. Ihre Gedanken, voll vollendeter Klarheit, trug sie mit ihrer schönen, sonoren Stimme, mit jenem logischen Ebenmaß vor, das, ohne die Rede ihres Schmuckes zu berauben, jeden phantastischen Aufputz fern hält, in Erinnerungen aus der Vergangenheit, in Betrachtungen auf die Gegenwart sich ergehend. Man bewunderte ihre Klarheit und Klugheit, fand sie jedoch nicht witzig. Ludwig Börne kam im Jahre 1802 als siebzehnjähriger Pensionär in das Halls Henriettens, um unter den Aligen ihres Gatten sich für den ärztlichen Berus vorzuberciten. Seine Tagebuchblätter und Briefe aus jener Zeit, die vor kurzem der Dessentlichkeit übergeben wurden*), gebeil uns Zeugniß von der Leidenschaft, die er für sie hegte, und von der maßvollen Entschiedenheit, mit der sie derselben zu begegnen wußte. In seinein zweiten Tagebuchblatte (Dienstag, 9. November, Nachts 11 Uhr) gibt er dein ersten Auflodern seiner Liebe Ausdruck: „Welche Augen! Welch ein holdes Lächeln! Welche Freundlichkeit umfließt den Mund! Ich habe keine Worte. Wer die Sprache erfand, hatte kein Gefühl für Schönheit; das erste schöne Weib hätte seiner Erfindung gespottet." Im Juli des nächsten Jahres titulirt er sie bereits „Liebe Mutter". Seine Leidenschaft hat alle Phasen durchgemacht, war zur Ertase halbverrückter Schwärmerei gelangt, und brach sich an dem klugen Takt der Angebeteten. Schleiermacher übte auf Henriette Hertz unter allen, die mit ihr in Berührung gekommen, den stärksten Einfluß aus. Ihr beiderseitiges freundschaftliches Verhältniß streifte hart an die Grenze der Liebe, streifte jedoch nur, ohne sie zu überschreiten. In den Bilderläden Berlins waren damals Caricaturen zu sehen, die die „große" Hertz darstellten, wie sie den *) Briefe des jungen Börne an Henriette Hertz. Leipzig, Brockhaus, 1861.

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