Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 10 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. haben. Diese Freundschaft wurzelte in der gegenseitigen Verehrung und Achtung des gleich hochbegabten Paares. In. den erstem Jahren ihrer Ehe hatte sie an ihrem Gatten einen freundschaftlichen Lehrer, der an der Ausbildung ihrer reichen, glänzenden Talente mit liebevoller, emsiger Sorgfalt arbeitete. Aus ihrer Blütezeit datiren zwei ihrer Porträts. Das eine, von der Malerin Therbusch, stellt sie als Hebe dar, das andere, von Grass, für ihren Freund, den Bildhauer Schadow, gemalt, ist das Urbild unsers Holzstichs. Schadow selbst fertigte ihre Büste. Die Briefe und Memoiren aus jener Zeit überströmen vom Lob der Schönheit Henriettens. Mirabeau, der große Kenner weiblicher Schönheit, ward durch Graff's Porträt zuerst auf sie aufmerksam. „Sein heißes Verlangen, sie in Person zu sehen", sagt F. Gustav Kühne*), „mag ganz oen Huldigungen entsprochen haben, die er der marmorschönen und marmortugendhaften Hebräerin widmete." Ihre Schönheit war eine seltene. Der Prophetenernst des jüdischen Typus, der auf ihrer reinen Stirn thronte, der aus dem großen, feurigen, schwarzen Auge unter den elastisch geschwungenen Brauen blitzte, paarte sich mit dem bezaubernden Liebreiz eines unbeschreiblich süßen Lächelns, das ihre Lippen hold umspielte. Volles, schwarzes, glänzendes Haar umrahmte in üppigen Locken dieses wundervoll schöne Antlitz und hob den Ausdruck gewinnenden Ernstes. Diese Schönheit, gepaart mit einer seltenen geistigen Begabung, gewann ihr alle Herzen, machte sie zur gefeierten Herrscherin aller gesellschaftlichen Cirkel. In stetem, regem Verkehr mit den großen, gefeierten und begabten Männern des damaligen Berlin, war sie der Gegenstand ihrer Verehrung, ihrer Hochachtung, nicht selten heißer, schwärmerischer Liebe. Sie nahm diese Huldigungen stets mit jener freundlichen Anmuth ent- *) Deutsche Männer und Frauen. Eine Galerie von Charakteren. Leipzig, Brockhaus, 1851. K gegen, die dankt, ohne zu ermuthigen, die fern hält, ohne abzustoßen und zu verletzen. Es war dies in jener Zeit der freigegebenen Sitten ein nicht gewöhnlicher sittlicher Ernst, zumal ihr eheliches Verhältniß, wie oben bemerkt, ein nur inehr freundschaftliches war. In den Erinnerungen aus ihrem Leben*) erzählt sie mit seltener Objektivität von den zahlreichen Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, „als sie noch schön gewesen". Der Spiritualismus des Judenthums, die Leidenschaftslosigkeit des jüdischen Stamms bewahrte sie vor jeder noch so kleinen Abschweifung von der Bahn strenger Tugend, unerbittlicher Pflichttreue. „Betrachten sie diese Frau; sie ist nie so geliebt worden, wie sie es verdiente!" Der Prinz Louis Ferdinand von Preußen stellte mit diesen Worten einst die schöne Hertz der Herzogin Dorothea von Kurland vor. „Und er hatte Recht, der geniale Prinz", bemerkt Henriette Hertz in ihren Erinnerungen. Sie ist geliebt worden, aber sie hat das Glück der Liebe nie im vollen Maß genossen, und ihre Natur war dabei eine feurige, für das Leben und seine Genüsse empfängliche; sie gehörte nicht zu den „blondgearteten" Dianen. Mehr als einmal fühlte sie diese Lücke in ihrem Herzen und Leben; sie nannte dies „eine Sehnsucht nach entschiedenem Wirken", aber sie war weit entfernt von jeder sentimentalen Kränklichkeit. Es war das frische, volle, geistdurchwehte Leben des Judenthums, seine unverwüstliche Lebenskraft, die ihren Geist in immer reger Frische erhielt und ihrem Leben den unzerstörbaren festen Halt verlieh. Ihrem Geiste war aber auch jede Bitterkeit fern, die oft jenen eigen, denen Schicksal oder Natur die Erfüllung eines Lebensberufs oder Wunsches versagte. Das sarkastische Berlin nannte sie die „tragische Muse". III. Zu Anfang unsers Jahrhunderts bil- *) Erinnerungen aus meinem Leben/ Von Henriette Hertz. Herausgegeben von I. Fürst. Berlin, Wilh. Hertz.