Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Henriette Hertz. 7 den, in Gesprächen und Schriften ausgesprochen, verarbeitet und verbreitet. Es war ein DiscurS, den die hervorragenden Geister des Jahrhunderts führten, eine Debatte, an der jeder, den die großen Ideen des Zeitalters begeisterten, Theil nahm. Diese Worte und Reden drangen in das Volk und brachten jene Ideen zu seinem Bewußtsein, jene Gefühle in sein Herz, und gewannen beherrschenden Einfluß aus Regierungen und Staaten. Die geistigen "Spitzen der damaligen Gesellschäft bildeten Gruppen, gesellige Vereine, „geistreiche Cirkel", wie sie sich nannten. Die Aristokratie des Geistes batte ihre Salons, in welchen auch die Aristokratie der Geburt und die sich verdrängende Plutokratie zahlreich vertreten war. Der Hauptsitz dieses geistigen Gesellschaftslebens in Deutschland warBerlin. Der Gegensatz zwischen geistigem Glanz und bürgerlichem Elend trat kaum anderswo so scharf zu Tage wie damals in jener Stadt. Der Wohnort Mendelsohn's, war Berlin gleichsam der Geburtsort der jüdischen Emancipation. Die Juden Berlins waren ihre erstell Träger; sie förderten mit Energie lind Geist das Wirken der damaligeil Gesellschaft, nahmen hervorragend Theil ail ihren Bestrebungen. Die Häuser der angesehenem Juden wurden Mittelpunkte des geistigen Lebens, Sammelplätze der „geistreichen Cirkel", während mit drakonischer Strenge keinem fremden, d. h. nicht nach Berlin zuständigen Juden es gestattet war, iil Berlin auch nur zu übernachten! — Die Emancipation, vom bürgerlichen Gesetz noch lange nicht gewährt, war im gesellschaftlichen Leben eine Thatsache, die der Vernunft wie dem Herzen der Gesellschaft ihr Entstehen verdankte. Rach Mendelssohn waren es David Friedländer, Bendevid, Maimon, welche die Führung des Judenthums zum werkthätigen Eingreifen in die Arbeit des Zeitalters übernahmen. Damals, in den Flitterwochen der Emancipation^ nicht der staatlichen, sondern conventionellen, war ihr Charakter eiil schwärmerischer, dem Freudetaumel des kaum befreiten Gefangenen gleich war das Auftreten der zuerst nach jahrtausendelanger Unterdrückung und Zurücksetzung zur activen Theilnahme am gesellschaftlichen Leben und Wirken herangezogenen Juden. Sie stürzten sich ins volle Leben ohne Halt. Der Wechsel der Verhältnisse war rapid und führte auch eine ebenso rasche, sprungweise Wandlung der Anschauungen und Grundsätze mit sich. Die Extreme berührten sich: das orthodoxe Judenthum einer-, die Negirung der jüdischen Religion andererseits. Die goldene Mittelstraße war noch wenig betreten. In denHäusern der jüdischenBankiers versammelten die Gelehrten und Schöngeister sich zu „Leseabenden". Die Aristokratie der Geburt, Offiziere lind Hofcavaliere, „beehrten" diese Cirkel mit ihrer Gegenwart. Die Elegants, die Lebemänner, die „jouuWso ckoreo" war in ihrem Gefolge. Sie brachten den schwarzäugigen Töchtern dieser Häuser ihre galanten Huldigungen dar. Diese Huldigungen waren nicht blos Artigkeiten; sie waren oft Ausdruck wahrer oder scheinbarer Neigung, oder finanzielle Speculation. So manche geift- und gemüthvolle Tochter ging dem Hause Israel da verloren; nicht wenig Saronsrosen wurden in fremde Gärten verpflanzt! Seien wir gerecht gegen diese Verirrungen. Diese Opfer forderte die Zeit, erzwang die Gestaltung der Verj hältnisse. Mair denke sich lebhaft hinein Rn jene Epoche: hier das Ghetto, mit ^dem Druck von außen, dem Moder von innen; dort das freie, glänzende, lebensvolle Bild einer Gesellschaft, die an der Spitze der Civilisation schreitet. Dieser Gesellschaft gehörten jene jungen Damen durch ihre Bildung an; diese Bildung nahm vom Judenthum nichts auf, sie ignorirte dasselbe. Das Ghetto! hatte noch feine im Drang und Elend angenommene Gestalt rächt abgelegt, die eifersüchtige Wahrung kleinlicher, mit dem modernen Culturleben nicht vereinbarer Formen nicht aufgegeben. Dort angezogen, hier abgestoßen — die Wahl war leicht! Mit jenen jungen weiblichen Wesen dürfen wir nicht rechten, aber mit ihren Vätern, die alle Aeußerlichkeiten