Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 1 (April 1865)
- Date
- 1865-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. mahnt an Schopenhauer, der tief unter ihm steht an sittlicher Begeisterung und Ausdauer des Forschens. Aehnlich beiden aber ging er einsam durch die Welt, wohl während seines Lebens und in der Nachwelt als großer Mann erkannt und dennoch nicht in seiner hohen Bedeutung vollkommen gewürdigt. Winden wir, die späten Nachgeborenen, nach acht Jahrhunderten den Ehrenkranz um die Schläfen Gabirol's. Wie aus unnahbarer Höhe herabgestiegen, hat er unerkannt seinen Weg auf der Lebensbahn zurückgelegt. Bald hat sich Schutt und Gerolle um seine Schriften gehäuft; seine philosophische Schrift, ins Lateinische übersetzt, wurde von den Scholastikern des Mittelalters viel benutzt unter einem Namen, der Gabirol nicht erkennen läßt, unter dem Namen Arizebron, Avencebrol, der jedoch nichts anders ist als Aben Gebrol; eine später verfaßte hebräische Uebersetzung in Abkürzung blieb ganz unbekannt. Von der Mitte des 13. Jahrhunderts schweigt die Geschichte fast ganz von den mühsamen Arbeiten seines Denkens. Von seinen edelsten Dichtungen ist vieles verloren gegangen, vieles lange bedeckt gewesen; nur einiges von seinen religiösen Dichtungen hat den Namen Gabirol bis auf die neueste Zeit erhalten; erst in ihr ist er gewissermaßen wieder neu entdeckt und in seiner Höhe erkannt worden. Wir stehen ihm fern; ein langer zeitlicher Zwischenraum, die unterdessen breit angeschwollene Entwickelung trennt uns von ihm; in fremdartigem Gewand, in fremdartiger Anschauung tritt er vor uns auf. Aber die hohe, tiefgefurchte Stirn des Denkers flößt uns Ehrfurcht ein, das glutvolle Auge des geistvollen Dichters leuchtet uns entgegen, und so sprechen wir gern dem Charisi nach: „Ein König steht er da, erhaben, groß!" Irauenbilder. Ein Lebens- und Charakterbild. Von F. Stl'g. letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts war die Periode des Uebergangs aus einer Zeitepoche, die sich überlebt, in eine neu anbrechende. Der menschliche Geist hatte in seiner fortschreitenden Entwickelung die Gestaltung der äußern Verhältnisse, in welchen er sich bewegte, überholt. Die bürgerliche Gesellschaft wurde nach Grundsätzen regiert, die die erleuchtete Vernunft, die gereifte Einsicht verwarf und misbilligte. Es war nicht mehr die bloße, aus dem Misverhältniß zwischen menschlichem Wollen und Können sich ergebende, darum zu allen Zeiten bestandene und bestehende Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit, es war der Kontrast zwischen dein „Griten und Bösen", ein Contrast, der nicht bestehen darf in der menschlichen Gesellschaft, weil er der menschlichen Natur widerstrebt. Man begegnet oft im Leben heuchlerischen Menschen, die, das Gute auf der Lippe, das Böse üben, die Tugend Prediger: und dein Laster fröhncn; aber die gesammte Menschheit kann und darf nicht heucheln; sie kann und darf nicht sich zu Grundsätzen und Wahrheiten bekennen, die sie in ihren thatsächlichen Consequenzen verwirft. Die Gegensätze mußten aufeinanderplatzen — die französische Revolution vom Jahre 1789 war die Folge davon. In Deutschland, dem Lande des regen Denkens und zaudernden Handelns, fand der Umschwung der herrschenden Ideen rasch, die ihnen gemäße Umgestaltung der bürgerlichen Verhältnisse nur langsam und allmählich statt. Die Gesellschaft, die diesen Verhältnissen entwachsen war, zog sich auf sich selbst zurück. Die Gefühle, die Ideen, die ihre Herzen, ihren Geist bewegten, wurden in Worten, in Re-