Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 4 (1934)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2416673-2416690-2416691--0949-2417670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dazumalen gab es in Prag 3 Jeschiba-Häupter oder Schiur-Frager, wie sie allgemein genannt wurden, der bereits mehrmals genannte Rabbi Nahum und die beiden Brüder Rabbi Maier und Rabbi Low Glogau sei. And. die beiden letzteren waren Söhne des als talmudische Zelebrität ersten Ranges R. Jecheskel Glogau und obgleich Sprösslinge eines und desselben Elternpaares dennoch sowohl in ihrem Charakter, wie in ihren Fähigkeiten, überhaupt in ihrem ganzen geistigen Wesen diametrale Gegensätze. Ersterer hatte wohl durch Fleiss und Ausdauer einen grossen Schatz talmudischen Wissens sich erworben, ohne aber durch geistige Kapazität sich auszuzeichnen. R. Low hingegen hatte als grosser Charif — mit vielem Scharfinn begabter Gelehrter — viele Lorbeeren gepflückt — R. Maier galt durch seinen strengen askeiischen Lebenswandel als Chassid; R. Low erfülte ebenfalls alle religiösen Zeremonien mit genauer Pünktlichkeit, ohne aber irgendwie an As'ketik oder Chassidismus anzustreifen. Letzterer hatte nebst dem Talmud auch in den anderen Wissensfächern sich umgesehen, konnte in der deutschen Sprache in Wort und Schrift sich korrekt ausdrücken; wohingegen R. Maier über das talmudische Gebiet nie hinausgekommen war. Natürlich konnte dieser mit den für öffentliche Talmudschulen herabgelangten gesetzlichen Anordnungen sich nicht so leicht vertraut machen, leistete darauf Verzicht, für seine Talmudschule um das Recht der Öffentlichkeit anzustreben. R. Nahum und R. Low aber mochten sich keineswegs passiv verhalten, erklärten daher ihre Bereitwilligkeit, den gesetzlichen Bedingungen alsbald zu entsprechen. Nun wurden die nötigen Voranstalten getroffen, eine öffentliche Talmudprüfung in Szene zu setzen, die noch zu sehr an den Ghettojargon gewöhnten Schüler, zu welchen auch meine Wenigkeit gehörte, wurden vorbereitet, die ihnen vorgelegten Fragen in einer auch nicht jüdischen Zuhörer verständlichen Weise zu beantworten, um dem von vielen Seiten mit Spannung erwarteten Ereignisse einen gefälligen äusseren Anstrich zu geben und demselben im vorhinein möglichst günstigen Erfolg zu sichern. Das Datum des Prüfungstages ist meinem Gedächtnis bereits entschwunden, noch aber weiss ich mich wohl zu errinnern, dass derselbe am Saibbathe zuvor in allen Synagogen von Seite des Vorsteheramtes öffentlich bekanntgegeben wurde, und dass am Tage zuvor in der Wohnung des R. Nahum ein vorbereitendes Examen stattgefunden. Der Rabbi sass in seinem Gemache und an seiner Seite der als Gast erschienene damalige Primator der Judenstadt, Herr Jesaias Pisling s. A., welcher in der Jugend talmudischem Studium obgelegen und zu den Schülern des Prager Raw zählte. Die sämtliche Jüngerschaft befand sich in der angrenzenden Schiurstube, einer nach dem anderen wurde in das Zimmer des Rabbi gerufen und einige Fragen an ihn gerichtet. Ich wurde über mehrere, Anfangs des 3. Abschnittes im Traktate Sabbath befindliche Stellen examiniert und erhielt wegen meiner, zur vollen Zufriedenheit des Rabbi gegebenen Antworten von gedachtem Primator als ein Geldstück als Prämium, der ereignisreiche Tag brach an, die erste Etage des jüdischen Rathauses war zum Prüfungslokale adoptiert, wo eine beträchtliche Zuhörerschaft, darunter mehrere Notabilitäten «ich eingefunden. Die Prüfungskommission bestand aus folgenden Herren: Aus dem Magistratsrate und Referenten in jüdischen 34