Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 4 (1934)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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liess er sich von ihnen auf den jüdischen Friedhof führen. Ich sah den Zug von einer Altane eines Hauses aus, das nächst dem Friedhofe gestanden, und erregte damals der Umstand zumeist meine Aufmerksamkeit und me:ue vollste Bewunderung, Rabbi E. und Rabbi S. mit barem Haupte über die Gasse gehen zu -sehen. — Wie ihre äussere Erscheinung war auch ihr gegenseitiges Benehmen. — Sie hatten wohl jeder ihr bsonderes Ressort, so dass Reihungen nicht so leicht vorkamen. Rabbi E. beaufsichtigte das Waisenhaus, die Bereitung des Osterbrotes, die Beerdigungsbrüderschaft — deren erster Vorsteher er war — Rabbi S. dagegen die Schächter und die Fleischbank. Dennoch aber mochten aber bei der Verschiedenheit ihrer Geistes- und Gemütsrichtung hie und da Differenzen unvermeidlich sein — indessen bei ihrem tiefen Anstandsgefühle wurde hierbei nie gegen das Dekorum Verstössen, waren die inneren Beziehungen auch etwas getrübt, die Aussenseite zeigte stets Friede und Einigkeit. Ich hegte natürlich von Jugend auf gegen diese geistlichen Leiter der Judengasse die grösste, tiefste Ehrfurcht im Grunde meines Herzens, blieb aber auch von ihnen nicht unbeachtet, wie hereits von Rabbi E. erzählt worden und übte nicht minder Rabbi S. späterhin auf die Entwicklung meiner humanistischen Bildung einen direkten Einfluss wohl nur im retrograden Sinne — wie weiter unten berichtet werden soll. Im Jahre 1824 hatte ich privatim die Volkschule absolviert und ein Jahr darauf wurde ich mit Erlaubnis meines bisherigen Talmudlehrers auf die Jeschiba geschickt und ich begann meine Laufbahn als kleines Schiurbocherl, ein auf der untersten Stufe stehender Jünger der talmudischen Hochschule — bei R. Nahum Trebitsch, dessen tolerante Gesinnung wir bereits oben gekennzeichnet. Dieser talmudische Heros, aus dessen gebräuntem Angesichte mit den schwarzen dicht beschatteten Augenbraunen die grosse Meisterschaft in allen Gebieten der talmudischen Literatur deutlich hervorleuchtete, war mir wohl, keine neue Erscheinung, ich war schon früher oft von ihm aus den Talmudschriften, die ich bei meinem Rabbi gelernt, geprüft worden, und bei dieser Gelegenheit erkannte ich, obzwar noch ein Kind, doch schon seine eminente Gelehrsamkeit aus dem Umstände, dass er ohne eine Gemore nur zu öffnen, mich immer sowohl über den talmudischen Text, wie über alle dazu gehörigen Amentatoren auswendig ausfragte und was seine ausgezeichnete Gedächtniskraft anbelangt, musste ich dieselbe bei folgendem Fall insbesondere anstaunen. In der Knabenschule lernte ich bei meinem Rabbi zu jedem der drei Hauptfeste ein sogenanntes Pschetel — eine kleine dem Knabenalter angemessene, auf die Vorschriften des kommenden Festes Bezug habende talmudische Dissertation. An den Festtagen ging ich sodann an der Seite meines Vaters zu vielen Talmudgelehrten unter welchen natürlich Rabbi Nahum einer der ersten war — um mich mit meinem Pschetel oder Wörtel zu produzieren. Einmal traf es sich, dass mein Rabbi zu Pessachzeit in ein kleines Weingeschäft sich eingelassen, daher nicht Müsse hatte, für seine Schüler ein nagelneues Pschetel zu konstruieren und es musste für diesesmal das vorjährige herhalten, das wieder memoriert wurde. Der Rabbi, rechnete darauf, es werde dieses ganz unbemerkt vorübergehen, er täuschte sich auch 30