Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 4 (1934)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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da ich hiebei immer gut bestand, erhielt ich von ihm einige Kreuzer auf Schabbesobst. Der Rabbi -bewies mir viel Interesse, gab mir oft seine Liebe und Zuneigung deutlich zu erkennen und wahrlich, ich liebte ihn wieder mit aufrichtigem Herzen. Mit heissen Zähren beweinte ich seinen Tod; ich war damals ein Knabe von ungefähr 10 Jahren, als er aii3 dem diesseitigem Leben abberufen wurde. Es war am 6. Tage des Pessachfestes, einige Knaben, meine Kameraden, hatten «ich bei mir eingefunden um Chol Hamoed zu halten (Karten zu spielen), da kam gegen Mittag mein seliger Vater mit verstörter Miene nach Hause — er hatte die Nacht über am Sterbebette des Rabbi Wache gehalten und kehrte jetzt zurück —, rief uns mit traurigem Tone zur »Kinder, gebet die Karten weg, Rabbi Eleasar ist gestorben!« Sogleich hörte Spiel und Lustigkeit auf und wir nahmen alle an dem Schmerze der ganzen Gemeinde aufrichtigen Anteil. Rabbi Eleasar erfreute sich einer grossen Popularität, sowohl wegen seiner überaus grossen Herzensgüte, seines sanften leutseligen Benehmens, als auch wegen seiner vorzüglichen Rednergabe; er war Volksredner im buchstäblichen Sinne des Wortes, seine Deraschath zeichneten sich nicht so sehr durch Gedankenfülle, wie durch die glänzende Form aus, die er ihnen zu geben wusste und durch die ihm eigene treffliche Vortragsweise er verstand es wohl, das Herz seiner Zuhörer zu ergreifen, sie zum Weinen, wie zum Lachen hinzureissen4). Hierin überragte er seinen Kollegen Rabbi Samuel Landau, der seinerseits ihn wieder an Scharfsinn, an tiefem Eingehen in de» Geist der Halacha überlegen war. Überhaupt bildeten diese 2 Kollegen zusammen ein Ganzes in dem Sinne» dass die Mängel des einen durch die Vorzüge des anderen ersetzt wurden. Rabbi E., von frühester Jugend an sich dem Rabbinatsstande widmend, glänzte als Lamden (Vielwisser) und Darschan (Prediger), Rabbi S. besass als Erbstück seines grossen Vaters — des Prager Raw — ein scharfes Denkvermögen und als früherer Geschäftsmann verschiedene durch die Weltanschauung erworbene Kenntnisse, manigfache Routine, wie auch viel »presence d'esprit, wodurch er nie in Verlegenheit kam, im Gegenteil anderen zu imponieren verstand. Beide eben repräsentierten ihren Stand aufs Würdigste, jeder Zoll an ihnen war Rabbiner, schon ihr Äusseres war imposant und Ehrerbietung erzwingend. Noch erinnere ich mich lebhaft des feierlichen Eindrucks, den es allenthalben machte, als einmal diese beiden hohen Gestalten mit der von der Würde ihres Berufes zeigenden Meine an der Seite des Fürsterzbischofs von Prag einhergingen. Es war Anfang der zwanziger Jahre, an einem Sabbathnachmittag, als dieser hohe kirchliche Würdenträger — Alois v. Kolowrat —- die Judenstadt mit seinem Besuche beehrte. Das Rabbinatskollegium im Amts« ornate empfing ihn aufs ehrerbietigste und in ihrer Mitte einherschreitend, 4) Bei der Derascha, die er am Rüsttage des Monates Schebath Abends in der Klaussynagoge abhielt, wurde immer weil während derselben der Neumond seinen Einzug gehalten, zu dessen Ehren eine Lachpille zum Besten gegeben, die ihre beabsichtigte Wirkung nie verfehlte. 29