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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei · 1933-02-01 · 2 (Februar 1933) · p. Seite 134

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
Volume
3 (1932-1933)
Issue
2 (Februar 1933)
Date
1933-02-01
Page
Seite 134 (sequence 70)
Language
German
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Märchen, jüdischem Aberglauben zu sprechen und sie den betreffenden volkskundlichen Erscheinungen bei anderen Völkern als etwas Eigenartiges entgegenzustellen. Worin beruht nun diese Eigenart des jüdischen Volksgutes, ja, die Verschiedenheit des volkskundlichen Bestandes bei den einzelnen Völkern überhaupt? Alle volkskundlichen Formen sind als Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt aufzufassen. Zu dieser gehört nicht nur Landschaft, Klima und Wirtschaftsmöglichkeiten, sondern auch die Nachbarvölker, deren Eigenheiten und Ideen und schließlich der Gang der Geschichte. Diese Kräfte haben den Lebensformen der Völker ihre Stempel aufgedrückt: im Laufe der Jahrhunderte ging Altes verloren und wurde durch Neues ersetzt, oder es wurde Altes durch Neues umgeformt, bis wieder Neues kam. Bunt ist also das volkskundliche Bild der Völker, je nach ihrer Umwelt, aber auch nach ihren ursprünglichen Anlagen, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Widerstandskraft. Auch das jüdische Volkstum war diesen Einflüssen von außen her ausgesetzt, in höherem Maße vielleicht als andere Volkstümer. Daß es bis heute trotz allen Wandels ein Eigenartiges bleiben konnte, hat seinen besondern Grund. Im Gegensatz zu anderen Völkern hat es im wechselvollen Ansturm immer neuer Umwelten durch Jahrtausende die Verkörperung seines ureigensten Wesens als feste Richtschnur in sich getragen: das unabänderliche Gesetz Mosis, die Vorschriften der Religion. Wir können daher das Wesen der jüdischen Volkskunde am besten definieren als das Produkt der Auseinandersetzung jüdischer religiöser Tradition mit der nichtjüdischen Umwelt. Vieles ist in der jüdischen Volkskunde mit den religiösen Vorschriften schlechthin identisch: die Feste, die Gebete, die Speisevorschriften, das Familienleben. In anderen Dingen wieder, wo auch die Umwelt ihre Macht fühlen ließ, blieb trotzdem das Gesetz richtunggebend; so besonders In den Bräuchen bei den Lebens- und Jahresfesten. In vielen Dingen aber, mit denen sich das Gesetz weniger oder gar nicht befaßt, war der Einfluß der Umwelt, vor allem der des Verhältnisses zu den Wirtsvölkern, übermächtig: viel Neues neben Altem finden wir darum in Hausbau, Wohnung, Kleidung, Speise und Trank, Erwerb, Unterhaltung, Sprache, Märchen, Sage und Volkslied, Sprichwort und Volksmeinung. 134

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