Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 3 (1932-1933)
- Issue
- 2 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 108 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2416673-2416686-2416688--0789-2417511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nahm die Pixis heraus und sie ergreifend, warf er sie in das neben ihm stehende Weingefäß. Mit lässigen Schritten, ging er leer fort (oder: so ward sein Schritt wieder frei und er begann leer fortzugehen), doch nicht ohne Angst. Mittlerweile hörte man gleichsam ein Kindergeschrei aus der Pixis und aus dem Weingefäß und die Leute, namentlich die Christen begannen herbeizueilen, um zu schauen, woher denn eigentlich das Geschrei des Knaben käme. Denn sie hörten bloß die Stimme eines weinenden Knaben, ohne etwas zu sehen. Herumschauend, fanden sie endlich, daß die Stimme aus jenem Gefässe komme und indem sie es neigten, bemerkten sie bloß die Pixis, aus der dieses Jammern kam. Indem sie sie nun heraus nahmen, öffneten sie dieselbe und fanden in ihr den Leib des Herrn. Plötzlich waren etwa hunderttausend Menschen da. Auch der Presbyster mit seinen Klerikern in heiligen Gewändern kamen mit dem Kreuze und brachten mit Ehrfurcht die Pixis und den Fronleichnam in die Kirche zurück. Nun wollten die Christen über die Juden herfallen und sie töten, weil das Volk wegen der Verhöhnung des Schöpfers auf das Heftigste herausgefordert und erregt war. Als dies Herzog Rudolf gemeldet wurde, lief er eiligst herbei und besänftigte das Volk durch Befehle, Schreien, Bitten und Beruhigen, indem er an den Juden Gerechtigkeit zu üben versprochen hatte. Doch jene wußten, daß der Herzog den Juden geneigt sei und an ihren Gewinnsten und ihrem Wucher teil hatte, indem er von ihnen Steuern und große Geschenke angenommen und daß er ihr vorzüglichster Verteidiger und Gönner war, weshalb sie gegen den Herzog in größten Zorn gerieten. Doch der Herzog hatte sie mit Mühe beruhigt und so seine überaus lieben Juden vor dem Tode und dem Untergange befreit." 7 In „Mitteilungen des historischen Vereines für Steiermark'', Graz, 1863, Heft XH. 210 ff. — 8 Ebenda 213 und Freytag G., Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Lpz. 1861, II. 350. — 9%Hs. „ad hoc'\ — 10 Hs. „plures". — 11 Pez H., Scriptores rerum Austriacarum I. 907, Anonymi Leobiensis Chronico, lib. IV, cap. VII., col 751 ff. u. die Ausg. von J. Zahn, Anonymi Leobiensis Chronicon, Graz, 1865, S. 32: „Im Jahre des Herrn 1312 entstand über die Juden ein unerhörtes Gerücht, daß sie das Sakrament des Altars übel behandelt hätten. Doch die Wahrheit konnte nicht erforscht werden. Als aber dieses Gerücht in der Steiermark verbreitet wurde, ist bei einem Juden in der Nähe von Fürstenfeld eine blutende Hostie gefunden worden, welche mehr als zehn Stichmale aufgewiesen hatte. Jedes Stichmal war tiefer als die Hostie und doch war die Hostie nirgends durchbohrt, sondern jedes Stichmal war wie eine frische Wunde voll von Blut. Deshalb wurden fast alle Juden in der Steiermark und Kärnten vernichtet, u. zw. wurden sie entweder verbrannt, oder aber mit dem Schwert getötet''. Vgl. auch Cäsar Aquilinus Julius, Annales Ducatus 108