Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 3 (1932-1933)
- Issue
- 2 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 104 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/2416673-2416686-2416688--0785-2417507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eodem hoc tempore Judenburgi seu Hebraeopoli, excidium Judaeorum contigit, cum enim perfidi Judaei Christianorum internecionem nocte S. Navitatis Dominicae, in hac urbe meditarentur, eosque omnes, \dum divinis de nocte 'Interessent, interficere condixissent, puella quaedam Judaea, Christiani amasii sui miserta, eidem rem omnem aperuit, rogans ut urbe excederet, sicque vitae suae consuleret; re detecta eadem nocte, Judaei omnes Judenburgi concisi sunt, nec unicus aufugiens in plateae cujusdam, hodie adhuc inde das Judengässl dictae, porta deprehensus, effusis licet maximis precibus, witam obtinere potuif. Diese übrigens schablonenhafte Erzählung haben schon Cäsar35 und andere36 richtigerweise als Fabel erkannt, der jede Spur der Glaubwürdigkeit mangelt, und die auf keiner historischen Quelle beruht. Sie ist gewiß auch schon darum unrichtig, weil die Juden, wenn sie eine noch so bedeutende Gemeinde gebildet hätten — die Annahme Peinlichs, daß dieses Volk (gemeint sind die Juden) ursprünglich gegen die anderen Bewohner in Judenburg in Überzahl war,37 ist gewiß unrichtig und beruht nicht auf einer historischen Quelle — nicht so töricht gewesen wären, über die ihnen am Anfange des 14. Jahrhunderts zahlenmäßig weit überlegene Bevölkerung herzufallen. Das wäre doch der reinste Selbstmord gewesen!37a Überblicken wir nun das hier Dargelegte, so ist es klar, daß die von Ambrosius und dem Anonymus mitgeteilten Erzählungen ganz gewiß nicht auf Wahrheit beruhen. Trotzdem aber bleibt immerhin die Frage offen, wie es nun kommt, daß gerade beide Berichte — den Bericht über Judenburg können wir füglich ausscheiden — sowohl der des Ambrosius, als auch der des Anonymus die Verfolgungen ungefähr in das Jahr 1310/12 verlegen. Sollte da nicht doch, wie schon Ilwof vermutet, eine Verfolgung der Juden in der Steiermark stattgefunden haben? Unmöglich wäre dies ja nicht gewesen. Denn, wenn wir bedenken, daß das Jahr 1312 für Österreich ein überaus trauriges gewesen, weil ja in demselben Hungersnot, Pest und andere Plagen das Land heimgesucht38 haben, so ist doch immerhin andererseits zu bedenken, daß diese Plagen nicht allein auf Österreich beschränkt geblieben sind, sondern auch auf die Steiermark übergegriffen haben mochten. In solchen Zeiten aber wurden ja gewöhnlich die Juden für alles verantwortlich 104