Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 2 (1931-1932)
- Issue
- 3 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 222 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 1× ep/1024888
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schuldigungen des Mißbrauchs ihrer elterlichen Gewalt darf sie mit Juvenals Worten in seinen Satiren (II, 2) zurückweisen: Was treibt nur die Gracchen dazu, sich über Aufruhr zu beschwerden? Quis tulerit Gracchos de seditione querentis? — In der hier angedeuteten Richtung sollte das Einzeldasein auf der Grundlage dessen, was die Väter geschaffen und erreicht haben, nach ihren in Glück und Leid bewährten Anschauungen und Sitten aufgebaut werden, auch wenn die Freiheit des einzelnen dadurch beschränkt würde. Im Sinne der Staatslehre kann ja selbst der Despotismus als Erscheinungsform gedacht werden, wenn nach Goethe ihr Freiheitssinn mit dem Gelingen verbunden ist. Nur muß der despotisch Schattende durchaus das Freiheitliche wollen, denn dieses allein verleiht seinem Handeln die Berechtigung. Wenn ein früherer überalterter Rechtszustand sich um jeden Preis die Macht erhalten wollte, dann geraten Despotie und Geistesfreiheit bedenklich aneinander. Auch die patriarchalische Sitte darf im Haus also lediglich in dem Sinne herrschen, daß sie nicht ihr eigenes Regiment durchzusetzen, vielmehr allein die Gesinnungen der Alten, die sich bewährten, zu erhalten bemüht ist. Nur mit solchen Einschränkungen ist die Mahnung zu erfüllen, der Einzdpersönlichkeit die wirksamste natürliche Stütze zur innern Ausgestaltung zu bieten, indem ihr einmaliger Phänotyp auf den vorgefundenen Genotyp seiner Ahnenreihe zurückgeführt wird. Aber dieses Bewußtsein der zwingenden Ichverbundenheit mit den dahingegangenen Ahnen läßt sich als erstes Charakteristikum der genealogischen Grundenergie nicht durch das bloße Aufreihen von Namen und Daten erwecken. Die trockene Gehaltlosigkeit solch blutdürrer Zusammenstellungen wurde als Menschenherbarium bezeichnet, das allein der Befriedigung der Neugier und Eitelkeit geschlossener Kreise dient. Wenn die Geschichte unserer Art uns jedoch nach Cicero zur Lehrerin des Lebens, der magistra vitae werden soll, dann muß das Recht unserer Kinder auf die Zukunft von dem der Eltern auf die Vergangenheit abgetrennt werden, doch so, daß sie in den wesentlichen Punkten trotzdem zusammenstimmen. Nur dann dient die Stamm- und Ahnentafel auch zugleich der Forschung nach Ursprung und Erhaltung unsres gesellschaftlichen Lebens und erfüllt den Drang des eigenen Sehnens nach überzeitlichen Weiten, die über die Urahnen hinweg die eigene Unvergänglichkeit suchen. Das 222