Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 2 (1931-1932)
- Issue
- 3 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 219 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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kennen, nicht nur ihre körperliche und sedische Struktur, sondern auch ihre äußeren Lebensumstände, Charakterzüge und Gebrechen, Begabung, Talente, ebenso ihre geistig seelischen Hilfs- oder Abwehrmittel in ihrem Ringen gegen Lebensfügungen und Schicksalsschläge, denn erst diese erschließen uns zu einem großemTeildie Wesensart ihrer Nachkommen. Der Einblick in diese Erbmasse des Artcharakters kann selbst die namenlosen Massen dazu führen, diejenigen neuen Momente aufzufinden, die sie bei der notwendig werdenden Beratung über entscheidende Einflüsse ihres eigenen Lebens vorwärtsbringen. So vermag das Ringen und Streben der Altvordern, ihr Wachsen und Werden, die Erfahrung und Kenntnis der Vergangenheit des eigenen Geschlechts als wertvollstes Erbgut gegen den entstellenden Einfluß der mechanisierenden Massentypen sowie gegen die schwankenden Umänderungen, denen das Erbgefüge durch übermächtige äußere Einflüsse unterliegt, zur Richtlinie für das kommende zu werden. Darum sind die gemeinsamen Familienkerne besonders zur Abwehr gegen die atomisierenden Tendenzen unserer Zeit zu sammeln und als Grundsteine zum Neuaufbau zu verwerten. — Die sozialbiologische Grundlage der Familienkunde reicht aber noch nicht aus, denn des einzelnen Wert liegt nicht lediglich in seiner körperlichen und geistigen Gesundheit, sondern wesentlich auch in seiner Eignung für das Gemeinschaftsleben der Gesellschaft und ihrer allgemeinen Lebensvorgänge. Die Keimzelle alles gesellschaftlichen Lebens ist die Familie, von ihr geht nach Goethe alle Gesittung aus und erreicht in ihr wiederum ihre höchste Blüte. Umwelt und Erziehung verdunkeln ihren Artcharakter, das Festhalten an der Familientradition aber vermag so bestimmt auf den persönlichen Gesamtorganismus einzuwirken, daß sie all seinen Funktionen einen festen HaJl-t gibt. Doch auch hier werden durch schwierige äußere Verhältnisse, verderblichen Umgang, das eheliche und verwandtschaftliche Zusammenleben, besonders in der endogamischen Ehe im stammverwandten Geschlecht, durch vorherrschende Neigungen und einseitig hervortretende Begabungen, Unkenntnis und Beruf die gesunden guten Anlagen bisweilen so verdorben, daß ihre natürliche Wirkung ausbleibt oder ins Gergenteil umschlägt. Der an sich zweifelhafte Ausgang hängt daher schießlich zum großen Teil von der Kraft der Persönlichkeit ab, indem entweder der Ablauf ihres Lebensprozesses afllein 219